
Wir möchten
anstelle des üblichen Begriffes der künstlichen Intelligenz (KI) den der
digitalisierten Intelligenz (DI) verwenden, worunter wir in Hardware
abwickelbare, digitalisierte Programme verstehen, die menschliche
Erkenntnisoperationen im weitesten Sinne (1.2) kopieren oder simulieren.
Die Summe der menschlichen Erkenntnisoperationen (1.2) bezeichnen wir als
menschliche Intelligenz (MI).
Natürlich
besteht schon dadurch ein untrennbarer Zusammenhang zwischen MI und DI, als DI
immer ein Teil der schöpferischen, innovativen Seite der MI ist. Einer der
Väter der DI gab zu, dass er an die Konstruktion von Rechnern ging, um sich
die lästige Rechenarbeit als Ingenieur zu erleichtern. Es ist auch mit
Sicherheit anzunehmen, dass die Schachgroßmeister, wenn die Computer sie
ernstlich bedrängen, die Qualität des Schachspieles auf die nächste Stufe
bringen werden, indem sie selbst mit Hilfe von Computern spielen. (Derzeit
ist dies bereits für den überwiegenden Teil der Weltelite der Fall. Die
nächste Stufe wird sein, dass Schachgroßmeister Schach-Computerprogramme
erstellen.)
Bei Sichtung der
bisherigen Diskussion zum Thema, inwieweit DI in der Lage ist, sein wird oder
grundsätzlich sein kann, MI abbildgleich zu simulieren oder zu ersetzen,
fällt als Erstes auf, dass der Streit zwei Seiten hat.
Zum einen werden auf der Seite der DI die technischen Möglichkeiten und Grenzen im Hard- und Softwarebereich diskutiert und mit Erscheinungen der MI in Verbindung gebracht. Die andere Seite, der hier vor allem unser Augenmerk gelten wird, setzt sich in wechselvoller Weise mit der Frage auseinander, wo eigentlich die Grenzen der MI liegen. Hierbei gelangen die verschiedenen Theoretiker, sowohl die Gegner als auch die euphorischen Vertreter der Möglichkeiten der DI, zu äußerst unterschiedlichen Ergebnissen. Mit anderen Worten: Das menschliche Erkenntnisvermögen, die Erkenntnisoperationen werden selbst unterschiedlich interpretiert und theoretisch erfasst, und es gibt eine Vielzahl von Theorien darüber, wo wir die Grenzen der menschlichen Erkenntnisoperationen zu ziehen haben. Je nach diesen Grenzziehungsverfahren kann man die Theorien über die MI als MI(1), MI(2) usw. bezeichnen. Kurz: Die Theoretiker bauen verschieden enge oder weite Zäune, innerhalb welcher die MI erkennen darf, soll oder muss. Die verschiedenen Zäune sind die unterschiedlichen Erkenntnistheorien.
Nun besteht
natürlich eine Beziehung zwischen den verschiedenen Grenzen, die man der MI
zuweist, und den Möglichkeiten, diese MI in DI zu simulieren.
Je enger die Grenze für die Erkenntnisoperationen der MI gezogen wird, je begrenzter MI formuliert wird, umso eher kann man annehmen, sie durch DI simulierbar zu machen. Man ist häufig überrascht über die engen Ansätze hinsichtlich der Fähigkeiten der MI, die im Felde der Diskussion benützt werden. Sind die Grenzen der MI aber zu eng gezogen, was derzeit in fast allen Erkenntnistheorien geschieht, so schadet dies nicht nur dem Wissenschaftsbetrieb und damit der Gesellschaft generell, weil dadurch die Gefängnisse vergrößert werden, in denen die Menschen leben müssen. Es schadet auch der Beziehung der MI zur DI und der Entwicklung der letzteren. Werden nämlich die Kerker, die man schon der MI baut, noch durch diejenigen der DI erweitert, so sind damit die Entwicklungsvoraussetzungen von Kunst und Wissenschaft schwer gehemmt.
Der Leser wird
vielleicht schon merken, wie wichtig es für unseren Problemkreis ist, die
menschlichen Erkenntnisfähigkeiten genau zu analysieren. Das heißt aber
eigentlich nichts anderes, als sich die gesamte Geschichte der Philosophie
auf diesem Planeten vor Augen zu führen und zu sehen, welch unterschiedliche
Antworten auf diese Frage bisher gegeben wurden. Wie weit oder wie eng wurden
da die Grenzen gezogen? Wie haben sich trotz Änderung der Wortkleider der
Theorien die Grundfragen erhalten? Hier können und wollen wir diese
Entwicklung nicht darstellen. Wohl aber möchten wir nicht verhehlen, dass wir
in den folgenden Ausführungen über die Fähigkeiten der MI für die
Zukunft richtungsweisende neue Gedanken vorbringen, die eigentlich alle
bisherigen Erkenntnistheorien der Geschichte vervollständigen und eine neue
Grundlage der Logik und Mathematik enthalten. Dieses neue Fundament, das ich
"MI(o)" – der Index "o" nicht als "Null",
sondern als Buchstabe "o" – nennen möchte und das in Rücksicht
auf den Leser nur in vereinfachten Formen und Strukturen dargestellt wird,
reicht aber aus, sichtbar zu machen, dass die Grenzen der MI anders zu ziehen
sind, als dies bisher geschah. Es fallen bestimmte Mauern, Fesseln werden
gelöst, ohne dass die bisherigen Erkenntnistheorien negiert oder bekämpft
werden. Sie bilden teilirrige, zu enge oder einseitige Sonderfälle. [Alle
MI(1), MI(2) usw. sind in/unter MI(o) enthalten.] Der Unterschied dieser
Studie zu den bisherigen Abhandlungen zum Thema besteht vor allem in
Folgendem: a) Die
Grenzen der MI werden neu und weiter gezogen als bisher, womit auch Mathematik
und Logik sowie Wissenschaft und Kunst neue Grundlagen erhalten; die
bisherige erkenntnistheoretische Bemühung um Auffindung einer Grundstruktur
von Begriffen für ein adäquates wissenschaftliches Denken (Denkkategorien)
und einer entsprechenden Logik und Mathematik wird als legitim anerkannt.
Die Mängel in den bisherigen Erkenntnistheorien, formalen und inhaltlich
bestimmten Logiken und der Mathematik werden aufgezeigt. b)
Aus den Neuerungen in a) ergeben sich völlig neue Aspekte hinsichtlich
der Grenzen der DI, da die unendlichen Grundlagen der neuen Grundbegriffe und
Grund"sätze" (Axiome) der Erkenntnistheorie, Logik und Mathematik
und deren logisch-mathematische Beziehungen nicht digitalisierbar sind.
Die folgenden
Ausführungen werden sicher manchem Leser ungewohnt sein. Mögen sie
wenigstens dazu beitragen, ihm sichtbar zu machen, um welche Probleme es
eigentlich geht, wenn man beginnt, die Erkenntnis des menschlichen
Erkenntnisvermögens und der Erkenntnisoperationen zu untersuchen.

Wir benützen die
FIGUR 1. Ein Mensch erkennt die Welt außer sich, Natur
G (Landschaft, Bäume usw.) und die Gesellschaft G(1) um sich, also z. B.
seine Familie, die deutsche Sprache, die Zeilen, die er hier liest. Eine
Außenwelt, Natur G und eine Gesellschaft G(1), erkennen wir nicht
unmittelbar. Zugänglich sind uns von ihr nur Zustände unserer Sinnesorgane
des Körpers E (blau) – vgl. unter 1.2.1 –, die wir hereinnehmen in die
Phantasie D (grün). Durch die nachbildende
Nur das
Angewirktsein der Sinne durch die "Außenwelt" kommt von außen,
alle übrigen Tätigkeiten sind
Die Probleme der
Erkenntnis der Außenwelt über die Sinne wollen wir jetzt ausführlicher
behandeln.
Für die Kenntnis der Welt um uns brauchen wir einen Leib. Der Zustand der Sinnesorgane, also der "Stempel", den das Außen auf ihnen erzeugt, ist alles, was von außen ist. Ein Blinder erhält auf der Netzhaut keine "Spuren". Er lebt daher in einer "anderen" Welt.Wir zitieren im folgenden, oft leicht verändert, aus den erkenntnistheoretischen Schriften KRAUSEs.Von diesen Zuständen in den Sinnen behaupten wir, sie seien Wirkungen äußerer, "wirklicher" Gegenstände, die in Raum und Zeit sind, die mit unserem Leib, also mit Augen, Nase, Ohren, Haut usw., in einer Wechselwirkung stehen, wobei aber diese Sinnesorgane bei der Erzeugung dieser Empfindungen selbst auch aktiv mitwirken. Wir behaupten dann auch gleich – eigentlich sehr kühn –, dass einerseits diese Gegenstände auch unabhängig davon, dass sie in unseren Sinnen Wirkungen erzeugen, existieren und dass sie andererseits unabhängig von unserer Sinnlichkeit und unserer Fähigkeit und Möglichkeit, sie wahrzunehmen, gegeben sind.Allgemeine Bedingungen für die Sinneswahrnehmung sind:1. Ein organischer Leib, seine Sinnesorgane, das Nervensystem, durch welches alle Sinnesorgane unter sich mit dem gesamten Nervensystem und mit dem ganzen Leib in Verbindung stehen (Koordinierungs– und Integrierfunktion des Nervensystems und des Hirns). Einzelne Sinne können manchen Menschen fehlen, kein einziger aber allen. Die "Welt" würde sich schlagartig ändern, wenn alle Menschen plötzlich taub wären.2. Dasein und Wirksamkeit der unseren Leib umgebenden Sinnenwelt, wobei wir auch noch annehmen können, dass die "Naturprozesse", die in unserem Körper ablaufen, wenn wir die Natur erkennen, zu den "Naturprozessen außerhalb unser" in einem bestimmten Verhältnis stehen.3. Schließlich müssen wir uns den Sinneseindrücken hingeben, hinmerken, darauf acht geben.Jeder Sinn stellt ihm Eigentümliches dar. Die Bestimmung der Größe und des Grades der Anwirkung ist für die Wahrnehmung wichtig.
Hauptsitz im
Organ der Haut, besonders Zunge und Fingerspitzen. Jeder Nerv aber ist Teil
des Tastsinns. Der Tastsinn ist der allgemeinste Sinn, der sich auf die
allgemeinsten Eigenschaften der Körper, auf den Zusammenhalt in festem und
flüssigem Zustand nach Wärme und Kälte bezieht. Die Anwirkungen halten in
ihm am relativ längsten an, er ist aber der beschränkteste Sinn, denn man
muss ja "den Gegenstand" selbst berühren. Man nimmt auch im
Verhältnis zu anderen Sinnen mit dem Tastsinn die kleinste Mannigfaltigkeit
wahr. Wir nehmen im Tastsinn nur Zusammenhaltbestimmtheiten des Tastnervs
selbst wahr, mögen sie nun mechanisch oder durch Erwärmung und Erkältung
erfolgen, wobei sich eine große Mannigfaltigkeit einzelner besonderer
Empfindungen ergibt. Fast jede dieser weiteren Bestimmtheiten des Tastgefühls
zeigt durch das Gefühl von Lust und Unlust eine wesentliche Beziehung zum
Leib. In diesem Sinne gibt es einen weiten Bereich von Gradverschiedenheiten,
wodurch dieser Sinn zur Orientierung in der äußeren Sinnenwelt und zur
Untersuchung der Organe des eigenen Körpers hinsichtlich der Kohäsion
besonders geeignet ist. Mittelbar aber schließen wir von den unmittelbar
wahrgenommenen Kohäsionsbestimmtheiten unserer Nerven auch auf Gestalt,
Ort, Stelle und Bewegung desjenigen Stoffes, welcher die wahrgenommenen
Kohäsionsbestimmtheiten unseres Nervs innerhalb der Wechselwirkung dieses
Gegenstandes mit allem ihn umgebenden Leiblichen verursacht. Dies erreichen
wir aber nur durch Schlüsse. Bei dieser Auslegung des Tastgefühls
dienen uns als Grundlage bestimmte, nichtsinnliche Begriffe, Urteile und
Schlüsse (C in
Solche Begriffe sind etwa: Das Gefühl im Tastsinn ist weder lang, noch breit, noch tief, ist gar kein Stoff. Daher müssen wir diesen Gedanken schon unabhängig von dieser Empfindung des Tastgefühles haben, wenn wir behaupten, einen Stoff wahrzunehmen. Ferner bringen wir den Gedanken der Bewegung hinzu, denn auch dieser liegt nicht in dem einfachen Gefühl. Bewegung können wir nicht anschauen ohne Zeit, weil Bewegung Änderung ist. Folglich bringen wir auch den Gedanken der Zeit hinzu. Nun beobachten wir aber, dass wir uns mittels dieser Gedanken des Räumlichen und Zeitlichen in unserer Phantasie dasjenige vorstellen, woran wir diese Empfindung als seiend denken und wodurch wir sie uns als verursacht vorstellen. Dies wird recht offenbar, wenn man sich einen Blinden denkt oder wenn man sich selbst denkt, wie man sich an finsteren Orten durch das Gefühl weiterhilft. Da kann man weder seinen Leib noch das Äußere sehen. Trotzdem wird das bestimmte einfache Tastgefühl Anlass dazu, dass sich der Blinde, der geblendet Sehende oder der Mensch im Finsteren innerlich in Phantasie (D in FIGUR 1) ein Bild vom Äußeren entwirft, das ihn umgibt. Nun beinhaltet aber das, was der Blinde, der Geblendete oder der Mensch in Dunkelheit mit tastenden Händen erspüren, weder Raum noch Stoff, auch erkennen diese gar nicht durch das Gesicht, und dennoch bilden sie diese innere Welt der Phantasie. Sie behaupten, dies geschehe der äußeren Welt entsprechend. Daraus sehen wir, dass das Vorhandensein der Welt der Phantasie (D) und unser freies Schaffen darin auch eine Grundbedingung dafür ist, dass wir die einzelnen Tastgefühle auf Raum und Materie beziehen können.
Aber bei dieser
Auslegung des "dumpfen" Tastgefühles sind noch viel höhere
Voraussetzungen erforderlich, und es sind dabei viel höhere geistige,
kognitive Verrichtungen wirksam als nur die Welt der Phantasie, die wir weiter
unten noch ausführlich analysieren werden. Denn wir müssen ganz allgemeine
Begriffe, Urteile und Schlüsse (C in FIGUR 1) – z. B. "etwas",
"etwas Bestimmtes" – hinzubringen, von welchen die einfache
Empfindung des Tastgefühls gar nichts enthält. Hätten wir einen solchen
Begriff nicht, so könnten wir gar nicht denken, dass wir etwas fühlen oder
etwas durch Gefühl wahrnehmen. Weiterhin benützen wir den Gedanken
"Eigenschaft", indem wir die Tastempfindung als Eigenschaft dessen,
was wir im Gefühle wahrnehmen, betrachten. Überdies verwenden wir die
Begriffe: Ganzes, Teil , Verhältnis, Beziehung, Grund und Ursache. Denn wir
denken ja, dass das äußere Objekt und unsere Sinne Grund und Ursache dieser
Empfindung sind. Wir benützen aber auch Urteile und Schlüsse. Zum
Beispiel: "Hier ist etwas, ein Objekt; hier ist eine Wirkung; hier ist
eine Empfindung." Demnach muss die Empfindung, wie alles Bestimmte, eine
Ursache haben. Da ich selbst nicht die Ursache bin, folglich muss etwas
anderes da sein, was Ursache der Empfindung ist. Hier ist eine Eigenschaft,
also muss etwas sein, woran die Eigenschaft gebunden ist, etwas im Raum
Selbständiges, das auch in der Ausdehnung über längere Zeit anhält.
Diese Begriffe, Urteile und Schlüsse sind uns bei der Auslegung des Sinnes in unserem gewöhnlichen Bewusstsein so geläufig, wir wenden sie mit so großer Kunstfertigkeit an, dass wir uns derselben nur selten bewusst werden. Durch diesen Umstand des Nichtbewusstwerdens dieser Voraussetzungen lassen sich viele verleiten zu behaupten, die Anerkenntnis der äußeren Gegenstände mittels der Sinne sei unmittelbar, und zwar geschehe sie auf eine uns unbegreifliche Weise. Aber wer auf sich selbst hinmerkt, der findet, dass es so geschieht, wie wir hier feststellten. Und wir dürfen unser gebildetes Bewusstsein, das sich bereits eine kunstfertige Beherrschung unseres Leibes erworben hat, nicht mit dem Zustande des Kindes verwechseln, welches sich erst jene Fähigkeit nach und nach erwerben muss. Bei dieser geistigen Arbeit können wir auch die Kinder beobachten. Es geht uns in unserem reifen Bewusstsein mit der Auslegung der Sinne so wie einem Weber oder Orgelspieler. Wir bringen die kognitive Tätigkeit und die Tätigkeit unserer Phantasie, während wir sie durchführen, nicht ins Bewusstsein, weil wir sie schon beherrschen. Wie sich auch der Orgelspieler dessen nicht bewusst wird, wie er die Noten sehen, verstehen und durch ganz bestimmte geistige Tätigkeit seine Finger und Füße bewegen muss. Wenn aber der Orgelspieler oder der Weber sich an die Zeit erinnert, wo er die Kunst erst erlernte, so wird er sich auch erinnern, wie er sich anfänglich jeder dieser Tätigkeiten bewusst werden musste, wie er alles einzelne einzeln einüben musste, um endlich zur Kunstfertigkeit zu gelangen. Ein solches aber noch viel höherartiges Instrument als die Orgel dem Orgelspieler ist jedem Bewusstsein (jeder "kognitiven Instanz") der Leib. Erst nach und nach werden wir des Leibes mächtig, erst nach und nach lernt der Mensch die Sinne verstehen und seinen Leib zu gebrauchen.
Wir können uns
z. B. in einem finsteren Keller beim Tasten im Dunkeln täuschen. Was
täuscht sich da? Die Wirkung auf den Tastsinn ist wie immer. Aber wir legen
diese Eindrücke falsch aus, wir machen uns "falsche Bilder" von
dem, was wir da tasten, und wir schließen falsch auf das, was da
"draußen" ist. Wir können uns auch z. B. bei Helligkeit täuschen,
wenn wir sitzen und plötzlich einen Druck am Fuß verspüren. Wir wissen
dann nicht, ob wir angestoßen werden oder ob es ein Gegenstand ist, den
jemand an den Fuß gebracht hat. Hier sei auch erwähnt, dass man natürlich
einwenden könnte, die Gedanken, Begriffe usw., die hier zur Auslegung der
Sinne benützt werden, hätten wir nicht ursprünglich, sondern Begriffe,
Urteile und Schlüsse (also C in FIGUR 1) lernten wir erst durch eine
Sprache in einem Gesellschaftssystem. Zum einen legt aber das Kind, wie wir
sehen, die Sinne schon aus, bevor es sprechen lernt. Ja das Erlernen einer
Sprache ist selbst ein Vorgang der Auslegung der Sinne mittels Begriffen,
Urteilen usw. – also mittels "kognitiver Strukturen". Das Kind
legt hierbei Sinneseindrücke (Laute und Zeichen) so aus, dass es darin
Elemente und Zeichen erkennt, die über die sinnliche Dimension hinaus
etwas
anderes bedeuten (Erkennung der Bedeutungsdimension von Zeichen). Ein
Kind hat also schon C-Begriffe bevor es C(s) -Begriffe, C(s) -Urteile einer
Sprache lernt. Eben weil das Perlhuhn das nicht kann, obwohl es auch Sinne
hat, kann es unsere Sprachen nicht erlernen. (Vgl. Pflegerl: Vollendete
Kunst S. 4 f. und S. 109.)
Wir müssen
weiterhin unseren aktiven Einsatz des Tastsinnes beachten. Wir liegen
nicht irgendwo und lassen die "Dinge auf uns einwirken", sondern wir
bewegen ja unseren Körper, um seine Tastempfindungen gezielt, intentional
auf etwas Hartes, auf eine Gegenwirkung hin, eben auf einen
"Gegenstand" zu richten, etwas abzutasten. Wir veranlassen
unseren Körper zu Bewegungen. Auch hier spüren wir in den Tastnerven das
Heben des Armes, die Bewegung des Fußes, und wir spüren das Anstoßen,
die "Eigenschaften" des Körpers. Wir steuern auch Richtung und
Stärke der Bewegung, z. B. des Tastens. Wir können durch diesen aktiven
Einsatz des Tastsinnes unseren eigenen Körper mit Zunge, Händen und
Füßen in absichtlicher Beobachtung kennen lernen. Wir werden uns damit der
Teile unseres Körpers und seiner Gestalt in gleicher Weise wie der
"Gegenstände" außerhalb des Leibes bewusst.
Der Geschmacks- wie auch der Geruchssinn kommen dem Tastsinn insofern nahe, als auch bei ihnen stoffliche Berührung nötig ist. Die Angewirktheit, der "Stempel", der hier in den beiden Sinnen wahrgenommen wird, ist die Bestimmtheit des chemisch-organischen Stoffes im Sinnesorgan selbst. Die Empfindung des Schmeckens enthält eine große Mannigfaltigkeit, mit starken Tendenzen einer begleitenden Lust- oder Unlustempfindung (Ekel beim Essen bestimmter Stoffe; Verfeinerung und Differenzierung der Geschmacks"kultur"). Wir nehmen schmeckend nur die chemische Tätigkeitsstimmung unseres Organs, der Zunge, wahr, keineswegs aber einen äußeren Gegenstand selbst noch dessen chemische Beschaffenheit. Aber wir übertragen das Wahrgenommene nach den gleichen Voraussetzungen wie unter 1.2.1.1.1 auf die Außenwelt. Auch hier benützen wir zur Erzeugung der sinnlichen Erkenntnis Phantasie D und begriffliche Operationen C und C(s).
Gedankenmodell:
Jemand muss etwas mit verbundenen Augen essen und feststellen, was es ist;
oder wir stellen uns vor, wie ein Rindsbraten mit Kartoffelsalat schmeckt.
Ein Österreicher kann sich aber in der Regel nicht vorstellen, wie Imam
Bayildi schmeckt.
Der Geruchssinn
ist bereits freier als der Geschmacks– und Tastsinn. Man kann auch von fern
Gerüche wahrnehmen. Auch der Tastsinn ist fein und mannigfaltig, womit neue
Schlüsse auf die Beschaffenheit von Körpern oder Erscheinungen in der
Natur möglich sind (z. B. bei einem Rasenbrand oder Ölteppich auf dem Meer).
Erinnert sei hier an den Versuch, in Filmen eine Geruchsdimension zu
integrieren.
Er ist unter
allen Sinnen der freieste, von Lust und Unlust des Körpers unabhängigste,
das Organ des Auges selbst ist rasch und vielseitiger orientierbar.
Unmittelbar sehen wir keine Welt außerhalb unser, sondern nur auf der
Fläche des Auges Bestimmtheiten des Lichts an Helle und Farbe. (Auch dies
sind schon sehr abstrakte Konstruktionen mit Begriffen und durch Phantasie.)
Aber durch die sprunghaften, ganz oder teilweise scharf begrenzten Umrisse
mehr oder weniger durchsichtiger Körper sowie durch die mittels der
Schatten und des abgestrahlten Lichtes bestimmten, allmählichen
Übergänge der Helligkeit und der Farben begründet das Bild im Auge die
weiteren Schlüsse auf die Lichtbestimmtheiten und Beschaffenheiten der
Gegenstände und auf deren Gestalt, Ort, Stelle und Bewegung. Bei der
Auslegung des Bildes im Auge kommt der bereits ausgelegte und richtig
verstandene Tastsinn dem Bewusstsein erheblich zu Hilfe (integrative
Koordinierung der Auslegungsergebnisse aller Sinne in den kognitiven
Leistungen des Bewusstseins). Dass es aber nur unser erleuchtetes, farbig
bestimmtes Auge, eigentlich eine "physio-chemische Reaktion", ist,
was wir äußerlich sinnlich sehen, wahrnehmen und unter Anwendung
nichtsinnlicher Voraussetzungen C und mit Hilfe von Phantasie D auslegen,
zeigt uns folgende Tatsache: Vernichtung und Krankheit des Organs vernichtet
oder verändert das Sehen; sind die Augen verbunden, sehen wir nichts.
Folgende Erscheinungen können als weitere Denkanstöße für diese
komplizierten Zusammenhänge dienen: Jedes Auge gibt ein besonderes Bild;
solange wir nicht ein Auge schließen, koordinieren wir die beiden Bilder zu
einem Doppelbild; Schwindel bei Aufsetzen einer schlechten Brille;
Farbenblindheit; bei Stoßen oder Drücken des Auges auftretende
Lichterscheinungen; optische Täuschungen; Zusammensehen schnell bewegter
Bilder im Film; perspektivische Verzerrung in die Ferne hin; Benützung dieser
Eigenschaften in der Zentralperspektive der Malerei; Verzerrung durch
Gläser; Benützung von Brillen bei Sehfehlern oder Sehschwäche; Teleskope;
Mikroskope; Reproduzierung des Sehvorganges in Fotografie, Film, Video, wo
wiederum nur Sinnesdaten des Auges ausgelegt werden. Hier ein wichtiger
Einschub über die Grenzen der Beobachtbarkeit der Natur in der
Naturwissenschaft: Werden Mikroerscheinungen in der Natur mit Licht
beobachtet, wird durch die Wirkung des Lichtes des Beobachtungsvorganges der
beobachtete Bereich verändert: Der Vorgang der Beobachtung selbst
verändert das zu Beobachtende, das Beobachtete "verschwindet" in
eine neue Konstellation. Beachten wir aber weiter. Wir sehen ja nicht diesen
Mikrobereich, wie er wirklich ist, wir machen uns ja nur
aus Zuständen in den Augen E mit Phantasiebildern D und Begriffen, z. B. der
wissenschaftlichen Theorie C(T),
ein inneres Bild von der Sache. Nun die entscheidende Überlegung: Nicht nur
durch die Lichtstrahlen, die wir auf das Beobachtungsobjekt lenken, wird
verändert, was wir beobachten, sondern auch durch eine Veränderung in
den Begriffen C(T) und in den Phantasiebildern D wird unsere Beobachtung, das
Beobachtungsergebnis verändert. Es "verschwindet" das eine
Bildergebnis, und es ergibt sich ein anderes. Hinzu kommt: Wir können das
Bild, das wir uns in der Beobachtung gemacht haben, niemals mit der
Wirklichkeit außerhalb unser vergleichen, wir können nicht feststellen, ob
unser Bild dem entspricht, was außerhalb unser ist, denn wir kommen niemals
hinaus zu den Dingen, wir können nur verschiedene Bilder in uns miteinander
vergleichen.
In den letzten Zeilen haben wir zwei wichtige Grundsätze erwähnt:
· Das Problem der Relativität jeglicher naturwissenschaftlicher Erkenntnis, weil sie von den eingesetzten Begriffen C und den Phantasiebildern D abhängig ist, und
· das Problem, dass wir die Wahrheit
naturwissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt nicht durch einen Vergleich
zwischen unserer Erkenntnis und einer "objektiven" Außenwelt
überprüfen können. Beides wird uns weiter unten noch beschäftigen.
"Um nur 100
Millisekunden der Arbeit einer einzigen Nervenzelle der Retina in einem
Rechner zu simulieren, müssten gleichzeitig 500 nichtlineare
Differentialgleichungen hundertmal gelöst werden. Auf einem der
schnellsten Computer, dem Superrechner CRAY, würde dies mehrere Minuten
Rechenarbeit beanspruchen. Umgerechnet auf die normale Funktion der
Retina pro Sekunde, benötigte der Superrechner mindestens 100 Jahre (EBELING)."
Für das
Verständnis der Beziehung zwischen DI und MI ist bereits die sorgfältige
Analyse dieser hochkomplexen Vorgänge bei der Erkenntnis der Außenwelt
bedeutungsvoll. Darum noch ein Hinweis: "Ich sehe eine Rose", sagt
man. Das unmittelbar Wahrgenommene der sinnlichen Erkenntnis ist hierbei
lediglich dieses bestimmte flächige Bild im Auge E. Aber sogleich bearbeite
ich das Bild weiter, indem ich dasselbe durch Phantasietätigkeit gleichsam
plastisch vollende, wobei ich dann auch früher durchgeführte Anschauungen
davon erneuere und aktiv mit Phantasie hinzufüge, was ich sonst schon
einzeln sinnlich in Erfassung der Rose erkannt habe. Ich besitze sodann
eigentlich ein vereintes Bild aus dem reinen Augenbilde und dem
Phantasiebilde, wobei ich aber dieses vereinte Bild für das
Bild der Rose selbst halte. Ich glaube also, dies alles soeben an der Rose
selbst zu erblicken. Ich vermeine, die Farben, die in meinen Augennerven
wahrgenommen werden, als an der Rose selbst haftende und als außerhalb
meines Leibes an dem Ort, wo die Rose selbst ist, vorhandene wahrzunehmen.
Aber auch dabei lässt es das denkende und schauende Bewusstsein nicht
bewenden, sondern es trägt dieses Vereinbild, ein plastisch
raumzeitliches Phantasiebild im Bereiche D(1), in welches es seine
reinsinnliche Anschauung aufgenommen hat, dann wieder hinaus in die
angeblich äußere Natur.
Indem ich die Rose an einem Rosenstock erblicke, der vor mir in einem Garten steht, trage ich das innerlich vollendete Vereinbild davon auch im Bewusstsein hinaus. Ich projiziere das Bild hinaus, ich sage mir: "Das Bild ist nicht in dir, es ist außer dir 'im Garten.'" Ich trage es hinüber an diese bestimmte Stelle im Raum und eben dann, wenn der Mensch dies in seinem "vorwissenschaftlichen Bewusstsein" vollbracht hat, meint er, er habe den Gegenstand selbst gesehen und wahrgenommen.
Der Gehörsinn
nimmt im Inneren des Ohres die Bestimmtheit der inneren, stofflichen
Selbstbewegung (Vibration) des Hörnervs wahr. Auch hier legen wir diese
sinnliche Bestimmtheit E mit Phantasie D und Begriffen C aus und machen
uns ein Bild von dem, was klingt, lärmt, quietscht usw. Die Schallbewegung
enthält in sich mannigfaltige Bestimmtheiten, z. B. Artverschiedenheit
der Stimmen, Laute, Höhen und Tiefen, Stärke oder Schwäche; menschliche
Musik ist eine aktive Erzeugung sinnlicher Schallqualitäten; beim Bau von
Musikinstrumenten benützt man bestimmte Tonsysteme, wo mathematische
Relationen maßgeblich sind. Erwähnt seien bestimmte Gesellschaften, in
denen Sprache nur als gesprochene, nicht als geschriebene Sprache vorkommt
(orale Kultur), also Gesellschaftssysteme, in denen der Gehörsinn stärker
aktiviert wird als in Systemen mit Benutzung der Schriftsprache.
Jeder einzelne
Sinn ist selbständig und eigentümlich. Aber das wahrnehmende Bewusstsein
verbindet in Phantasie D die Wahrnehmungen jedes einzelnen Sinnes mit Hilfe
der erwähnten begrifflichen Operationen C in ein Ganzes der Wahrnehmung
und bezieht sie alle auf die gleichen einzelnen Gegenstände in der
äußeren Natur. Diese integrierende, synthetisierende Koordinierung und
Verbindung des Einzelnen zu einem Gesamten ist ein wichtiger kognitiver Akt.
Hinsichtlich dieser Koordinierungsfunktion ein interessantes Beispiel: In dem
Kurzfilm "Die Täuschung des Auges durch das Ohr" von Andreas
KOPRIVA wird eine Szene einmal gedreht, dreimal kopiert und jeweils mit
anderen Geräuschen und Dialogen synchronisiert, wodurch sich bei gleichen
optischen Sinneseindrücken durch die Variation der auditiven
"Eindrücke" drei unterschiedliche Wirklichkeiten ergeben. Wir
sehen hier, dass uns die Außenwelt nicht direkt zugänglich ist. Die Sinne
unseres Körpers sind gleichsam der Filter und das Stempelkissen, auf welche
sie wirkt. Wir sehen die erheblichen konstruktiven und koordinierenden
Leistungen der Phantasie D und der kognitiven begrifflichen Operationen,
mit denen wir uns in uns ein Bild von außen machen, dabei aber auch noch
glauben, wir erlebten die Welt außerhalb unser, wie sie ist. Bereits an
diesem Punkt unterscheiden sich die verschiedenen philosophischen Systeme
bei der Beantwortung der Frage, wie diese Tatsache eigentlich zu
verarbeiten sei. Wir leben ja in einer konstruierten inneren Bildwelt. Vor
allem erhebt sich die Frage: Wie können wir wissen, ob das, was wir derart
von der Welt erkennen, auch wahr ist (Wahrheitsproblematik)?
Wir haben im Vorigen gesehen, dass Sinnes"stempel" der Sinnesorgane mit der Phantasie verbunden werden und die Phantasie – natürlich unter Benützung von Begriffen, Schlüssen usw. – Bilder der äußeren Welt erzeugt. Wir wollen diese Phantasietätigkeit etwas schlampig als äußere Phantasie D(1) bezeichnen. D(1) erzeugt eine mit der äußeren Sinnenwelt E integrativ gebildete Phantasiewelt. Damit ist aber im Bewusstsein der Bereich der Phantasietätigkeit bei weitem nicht erschöpft.
Wir stellen fest, dass es ohne weiteres möglich ist, Bilder in D(1) in der Phantasie weiterzubilden. Wir können in der Phantasie Bäume bilden, auf denen Silberpferde hängen, Menschen mit Vogelköpfen, Phantasiewesen, wie die Turtles, Donald Duck, Asterix, Pokemon, die Bilderwelt eines Malers wie DALI oder MAX ERNST. Wir können uns in der Phantasie das Haas-Haus auf dem Mund einer Frau, kombiniert mit dem Geruch von Schokoladekeksen und den Klängen einer Arie der Oper "Tosca" vorstellen. Phantasiebilder sind natürlich nicht auf den Gesichtssinn beschränkt. Die Traumfabrik Hollywood erzeugt unentwegt Bildwelten, die mittels Phantasie aus der Natur und den Gesellschaften nachgebildet und weitergebildet sind und die in zunehmendem Maße über die Kinos der ganzen Welt in die Phantasiewelten der Konsumenten übergehen. In unserer Phantasie kann es aber auch Formen geben, die in keiner Weise aus der Natur weitergebildet sind. In dem Buch "Die Vollendete Kunst" habe ich gründlich aufgezeigt, dass in der modernen Malerei der entscheidende Schritt vollzogen wurde, Formen unabhängig von der Natur zu finden und darzustellen. MAX BILL sagt:" Konkrete Kunst nennen wir jene Kunstwerke, die aufgrund ihrer ureigenen Mittel und Gesetzmäßigkeiten – ohne äußerliche Anlehnung an Naturerscheinungen oder deren Transformierung, also nicht durch Abstraktion, – entstanden sind. "Es gibt also unendlich viele Möglichkeiten der Erzeugung von Formen in der menschlichen Phantasie, die nicht aus den Phantasiegebilden D(1) abgeleitet sind, die wir aus der sinnlichen Erkenntnis gewinnen. Die Entwicklung der Kunst seit 1910 bietet reiche Beispiele. Es ist auch zu beachten, dass wir zur Erstellung bestimmter Phantasiegebilde überhaupt keiner sinnlichen Eindrücke E bedürfen; die Sinnlichkeit ist also nicht Voraussetzung unserer Phantasiefähigkeit.Ist die Phantasie in D(1) schon bei der Erzeugung sinnlicher Erkenntnis aktiv und innovativ, so ist sie in der Erzeugung von Phantasiegebilden in D(2) noch wesentlich freier. Selbstverständlich werden auch bei der Erzeugung von Phantasiegebilden in D(2) Begriffe usw. eingesetzt, wenn etwa der Maler, der Architekt oder Erfinder neue Formen sucht. Wir beobachten aber auch, dass wir ständig die beiden Bildwelten D(1) und D(2) miteinander verbinden und dass vor allem in allen gesellschaftlichen Bereichen, von der Finanzverwaltung bis zum elektronischen Spielautomaten, ständig durch Neubildungen in D(1) und D(2) und deren Verbindungen Veränderungen in die "Außenwelt" gebracht werden.Den Aufsatz über die Grundlagen digitaler Kunsttheorie von Ernst Riemschneider: "Deduktive Kunst – Digitalisierung" möchte ich hier zur Verdeutlichung benützen. Es wird nämlich bei der Frage der DI sehr darauf ankommen, festzustellen, ob diese mit hohen Freiheitsgraden, in Verbindung mit dem Einsatz von Begriffen C in unserem Bewusstsein erzeugten Phantasiewelten D(1) und D(2) in gleicher Weise von Computern erzeugt werden können. Es würde nämlich nicht genügen, dass der Rechner von irgendwelchen Menschen bereits dargestellte Bilder nachmachen kann, sondern es ist zu fragen, ob er mit der gleichen Spontaneität, in der gleichen Form und Vielfalt neue Phantasiewelten erzeugen kann. Diese Phantasiegebilde müssten aber in der gleichen Weise neu sein, wie etwa die Bilder von MAX ERNST oder GOYA in der Malgeschichte neu waren. Es geht also um einen Grad von Neuartigkeit, der genau bestimmt sein muss. Denn es ist klar, dass z. B. manche Maler neue Bilder machen, die in auffälligem Maße jenen von MAX ERNST gleichen. Sie ahmen nur eine Erfindung nach, die dieser Maler erstmals vollzogen hat. Wir meinen hier also nicht die nachahmende Neuschöpfung in der Phantasie, sondern eine bestimmte, darüber hinausgehende Art der Neuheit (Innovationsdimension) Vgl. den Begriff der "Originalität" bei PENROSE, S. 414.
Nun zum Aufsatz Ernst Riemschneider: "Deduktive Kunst – Digitalisierung". Text und Bilder sind bereits mittels digitaler Software erstellt (PAINTBRUSH-Programm). Die dargestellten Bilder hatte der Autor vorher in seiner Phantasie D(2). Wir wollen einige analysieren: Die Bilder von Flächen unter 2.2 und von Linien unter 2.3 sind, wie der Text zeigt, mit Begriffen mathematischer und logischer Art verbunden, die mit unseren bisher behandelten Erkenntnisoperationen nicht zusammenhängen. Es liegt also eine hochgradige Verknüpfung der Bilder mit Begriffen vor, die mit sinnlicher Erfahrung nichts zu tun haben. Eigentlich setzen dieselben eine mathematische Axiomatik voraus, von der dann eben Skizzen in der Phantasie abgebildet werden. Man kann diese Bilder unter 2.2 und 2.3 erst " verstehen", wenn man diese mathematischen Axiome verstanden hat, was aber allein durch Phantasie D gar nicht möglich ist. Wir können nämlich z. B. nicht den "ganzen Gedanken" der unendlichen Linie in der Phantasie nachbilden, weil die Phantasie nur Endliches nachbilden kann. Ob und wie wir Unendliches denken können und dürfen, müssen wir erst später überprüfen. Das gleiche gilt von der Kochschen Kurve. Eine fraktale Ähnlichkeitsfunktion ist eine mathematische Relation, die wiederum durch digitalisierbare Programme grafisch darstellbar ist. Wir können bis zu einem gewissen Grad in Phantasie D(2) die Entwicklung der Kurve nachbilden; niemals aber vollständig, da die Teilung ja unendlich fortsetzbar ist.
Wir können uns in der Phantasie D(2) eine Vielzahl der Ornamente unter 4.1.2 nachbilden. Auch diese Ornamente sind nicht aus der Außenwelt mit Sinneseindrücken gewonnen, sie können, wie wir zeigen, mit einem BASIC-Programm erzeugt werden. Auch hier sind die Grundlagen der Phantasiebilder in D(2) verbunden mit "allgemeinen" Begriffen, wie "Allheit", "Stufung", "Inversion", "Spiegelung", "Regelmäßigkeit", "Selbheitlichkeit", "Ganzheitlichkeit" und "Harmonie". Beachten wir auch, dass wir normalerweise Schwierigkeiten haben, uns solche 8X8-Ornamente in größerer Zahl zu merken. Ein Schachmeister ist jedoch in der Lage, eine Vielzahl von 8X8-Konstellationen lange in Erinnerung zu behalten.Die Bilder ab OR-OM0.PCX sind deshalb um eine Stufe komplexer, weil alle Striche, Füllungen von Flächen usw. mit Mustern (pattern) gezeichnet sind, die unter 4.1 erzeugt wurden. Für die Erzeugung dieser Bilder in D(2) wurde eine Vielzahl von begrifflichen und theoretischen Grundlagen herangezogen, die alle als Sinnebenen, als Sinngehalte, als inhaltliche Implikationen in den Bildern enthalten sind. Man "versteht" die Bilder also erst dann richtig, wenn man diese theoretischen Grundlagen, die nicht in der Phantasie gelegen sind, mitberücksichtigt. Es sind dies u.a.:
· die im Buch "Vollendete Kunst" dargelegte Grundwissenschaft,
· die in OR-OM1.PCX angedeutete und hier unter 1.2.3.1.1 entwickelte Philosophie der geraden Linie, inklusive der logischen und mathematischen Axiomatik derselben.
· Die Einhaltung einer Gliederung der Bilder, die dem "Gliedbau des Weltalls" ähnlich ist.
· Die potentielle und virtuelle Benützung aller bisherigen Bilder der Kunstgeschichte, die nach den Prinzipien der "Vollendeten Kunst" als Material zur Erzeugung neuer, komplexer, den neuen Baugesetzen entsprechender Bilder im Gesamtbau der Malerei einen bestimmten "logischen" Platz einnehmen (integrative Synthesen mit neuen Prinzipien).
· Die Aufnahme aller bisherigen theoretischen Ansätze der Kunstentwicklung in den Allzusammenhang der neuen Axiomatik.Was stammt bei diesen Bildern der Phantasie D(2) aus der Sinnlichkeit E, was aus der äußeren Phantasie D(1)? Der Autor hat Bilder aus der Kunstgeschichte, die Philosophie der Grundwissenschaft, die bisherigen Theorien der Logik, Mathematik und Malerei als Sinneseindrücke – "Bilder" oder "Zeichen mit Bedeutung" – aus Büchern durch Einsatz von Begriffen C und Phantasie D aufgenommen. Hieraus wurden als eine komplexe Synthese durch eine Vielzahl von Begriffsoperationen mit C, in Verbindung mit D und E und dem Einsatz von "äußeren" Werkzeugen wie einem PC und seiner Software diese Bilder hergestellt, die der Leser wiederum nur als Sinnesqualitäten auf seiner Netzhaut vorfindet. Der Zeichner der Bilder kann sich etwa "alle Einzelheiten" des BildesOR-OM27.PCX, also die Stellung eines jeden Pixel im Raster, nicht merken. Auf der Festplatte seines PC wie auch auf Disketten im Club sind jedoch alle Details digital aufgezeichnet, genauso wie man früher in Schriftstücken Informationen speicherte.Wir können in Phantasie D(2) Einzelbilder aus einem Zusammenhang nehmen und in andere setzen. Die Montagetechnik in der Malerei hat dies auch in "äußeren Bildern" angewandt. Im PAINTBRUSH-Programm ist eine Funktion vorgesehen, "einfache Bilder" wie OR-OM2.PCX in andere, komplexere Bilder einzubauen ( paste-Funktion). Weiterhin können Bilder der "Außenwelt" in Büchern durch einen Scanner eingelesen und in andere Bilder eingebaut werden (z. B. in OR-OM65.PCX). Der komplizierte Vorgang, dass man beim Erzeugen "äußerer" Bilder auf dem Monitor nicht immer nur Bilder der inneren Phantasie – in Verbindung mit jenen der äußeren – in das neue Medium "umsetzt" oder "herauskopiert", sondern dass man durch Probieren mit Elementen und CUT-files im Zeichenprogramm selbst plötzlich einem bisher nicht bekannte, in der Phantasie D(2) noch nicht gegebene oder konstruierte Bilder erzeugt, die man sich dann wieder merkt, also in D(1) und D(2) aufnimmt, kann hier nicht im Detail untersucht werden.
In vielen
Erkenntnistheorien werden die unter 1.2.2 dargestellten komplexen
Operationen der Phantasie, die laufend ganze Bildwelten erzeugt, ständig im
Gedächtnis vorhandene raumzeitliche, plastische Bildkompositionen umstellt,
verändert und neu organisiert, überhaupt nicht in der gesamten Tragweite
erkannt und berücksichtigt. (Die Phantasie ist natürlich nicht nur im
Wachen, sondern auch im Traum tätig, was wir hier nicht weiter untersuchen.)
Die sinnliche Erkenntnis wird u.U. als ein einfaches
Reiz-Reaktionsverhältnis, als Input-Outputsystem verstanden. Noch viel
schwieriger ist die Erschließung des für die sinnliche Erkenntnis im
weiteren unerlässlichen Anteils "kognitiver" Operationen
begrifflicher Art. Hier finden sich wieder
eine Vielzahl von Ansichten in der Erkenntnistheorie. Einige Schulen meinen,
Begriffe stammten ausschließlich aus der sinnlichen Erfahrung, man lernte
eben Sprachen und ihre Bedeutungen. Andere Schulen meinen, Begriffe müssten
wir schon von vornherein (a priori) im Bewusstsein (nach anderer
Formulierung im Geist) haben, damit wir überhaupt als Kleinkinder sinnliche
Erkenntnis zustandebringen können und überhaupt die Laute der Eltern als
Sprache "verstehen" und dann die gesellschaftlich gegebene (z. B.
deutsche) Sprache zu erlernen vermögen. Wir hatten also schon Gedanken,
Begriffe, bevor wir die Wörter einer Sprache lernen. (Wir haben auf jeden
Fall zwischen dem Gedanken und seiner Darstellung als Zeichen in einer
Sprache zu unterscheiden!) Die nächste Schule meint gar, dass bestimmte, z.
B. logische Gedanken, wie FREGE sagt, nicht Erzeugnis unserer seelischen
Tätigkeit sind, sondern im Denken nur "gefunden" werden. "Denn
der Gedanke, den wir im Pythagoräischen Theorem haben, ist für alle
derselbe, und seine Wahrheit ist ganz unabhängig davon, ob er von diesem
oder jenem Menschen gedacht wird oder nicht. Das Denken ist nicht als
Hervorbringung des Gedankens, sondern als dessen Erfassung anzusehen."
(Vgl. auch PENROSE S. 95 + 418.)
Wir versuchen
jetzt in möglichst einfachen Formulierungen ganz entscheidende Probleme
darzustellen. Es ist schon ein großer Fortschritt zu erkennen, dass wir eine
Vielzahl von Begriffen (C) benützen und einsetzen müssen, um überhaupt
eine sinnliche Erkenntnis zustande zu bringen. Ein noch schwierigeres
Unterfangen aber ist es, eine Analyse dieser Begriffe durchzuführen und sie
als ein System darzustellen. Das System von Begriffen wäre dann auch
gleichzeitig das Schema, nach dem wir alles zu erkennen und zu denken hätten.
Dieser Versuch macht einen breiten Teil der Geschichte der
Erkenntnistheorie aus, und es gab immer wieder neue Bemühungen, diese
Grundgedanken – früher Kategorien genannt – zu systematisieren. Wir
erwähnen hier nur ARISTOTELES, KANT und WITTGENSTEIN im Traktat. Die
Begriffssysteme der drei Denker sind sehr unterschiedlich ausgefallen. Auf
die Differenzen gehen wir hier aus Platzgründen nicht ein. Wir möchten aber
in diesem Zusammenhang auf eine philosophische Frage zumindest hinweisen,
die nun gestellt werden muss und auch in der Geschichte immer wieder gestellt
wurde: Wenn wir Erkenntnis der Außenwelt durch eine Synthese aus
Sinneseindrücken (E), Bildkonstruktionen in äußerer und innerer
Phantasie D(1) und D(2) und Begriffen (C) zustandebringen, von denen ein
Teil Grundbegriffe bilden, die in einem System erfassbar sind und bei allen
Erkenntnissen benützt werden sollen, dann erhebt sich die weitere Frage,
woher wir denn wissen sollten, ob die Anwendung dieser Grundbegriffe auf
alles, was wir denken und erkennen, zulässig sei. Können wir uns da nicht
auch täuschen? Woher sollen wir denn wissen, ob es zulässig ist, diese
Begriffe auf alles anzuwenden, was wir denken, vor allem auf die Welt
außerhalb unser. Ist die Welt denn auch wirklich so gebaut, wie wir sie uns
denken? Hat die Welt denn die gleiche Struktur wie das System der
Grundgedanken, das uns da von den Philosophen vorgeschlagen wird? Diese
Frage zu stellen, bedeutet einen besonderen Schritt in der
Erkenntnistheorie. Sie nicht zu stellen, bedeutet umgekehrt, dem
menschlichen Erkenntnisvermögen eine Grenze zu setzen, die eigentlich
unzulässig ist. Da wir eingangs ankündigten, die Frage der Grenzen der
MI zu untersuchen, gelangen wir hier an
eine entscheidende Stelle. Wird die Zulässigkeit dieser Frage geleugnet,
erfolgt bereits eine für die gesamte Entwicklung der Erkenntnistheorie
und im weiteren für das Verständnis der Erkenntnisgrenzen der MI relevante BEGRENZUNG
UND EINZÄUNUNG mit schwerwiegenden Folgen. Diese Grenzziehung erfolgt
etwa damit, dass man sagt: "Menschliche Erkenntnis ist auf den Aufbau
von Theorien zu beschränken, die auf Begriffe der Theorie C(T), Logik und
Mathematik sowie auf Beobachtungen zu beschränken sind. Darüber
hinausgehende Erkenntnisse sind sinnvoll nicht zu gewinnen. Die formale
Logik ist die nicht überschreitbare Grundlage des Aufbaus von
Erkenntnis, sozusagen die innerste Grundlage der MI." Mit dieser
Begrenzung hat sich das menschliche Erkenntnisstreben nie zufrieden
gegeben. Die Überschreitung dieser Grenze wirft also die Frage auf, ob
jenseits des Menschen und der "Welt" ein absolutes und unendliches
Grundwesen existiert, in/unter dem sowohl der Mensch als auch die Welt
enthalten sind. Gibt es ein solches Grundwesen, ergibt sich die weitere Frage,
inwieweit es dem Menschen erkennbar ist. Denn wenn eine solche menschliche
Erkenntnis des Grundwesens möglich ist, dann müsste vom Menschen auch
erkannt werden können, wie alles an oder in/unter dem unendlichen und
unbedingten Grundwesen enthalten ist. Unter der Voraussetzung, dass dies
möglich ist, ergeben sich entscheidende Folgerungen:(1) Wahr
erkennen wir nur dann, wenn der Bau unseres Denkens so gebaut ist, wie alles
in/unter dem Grundwesen enthalten und gebaut ist. Also der Bau des Denkens
(Logik) muss so sein wie der Bau der Welt, des Universums, des Weltalls
in/unter dem unendlichen Grundwesen.(2) Ist
eine solche neue Logik (synthetische Logik, SL) auffindbar, dann ist zu
prüfen, inwieweit alle bisherigen Logiken in der Geschichte der
Erkenntnistheorie Mängel besitzen, "zu eng" sind oder gar
bestimmte Teile derselben überhaupt nicht besitzen.(3) Mit
dem Vorhandensein einer solchen Logik würde sich aber auch der Aufbau der
Wissenschaft, vor allem auch der Naturwissenschaft, entscheidend
verändern.Hier sei zur Klarstellung für den Leser auf einen sehr wichtigen
Unterschied in der Art der logischen Systeme hingewiesen. Die einen Denker
sagen: Der Bau eines logischen Systems muss sich nach dem Inhalt
dessen richten, was wir denken –
Inhaltslogik, etwa bei HEGEL –, die anderen meinen, die Logik sei aus
bestimmten, ihr eigentümlichen Gesetzen so aufbaubar, dass das System – unabhängig
vom Inhalt, auf den die logischen Gesetze und Regeln später angewendet
werden – rein der Form nach aufgebaut werden könnte.
(Systeme der formalen Logik, über deren Entwicklung J.M.BOCHENSKI eine
gründliche und subtile Darstellung gibt; Alber Verlag, 1970.)Die hier
gemeinte Logik, die sich aus der GRUNDWISSENSCHAFT ergibt, ist INHALTSLOGIK
und FORMALE LOGIK in völliger Übereinstimmung und Deckung. Ist es
nun möglich, den Weg zu beschreiten, den wir hier als WENDE ZUR
GRUNDWISSENSCHAFT (WGr) bezeichnen wollen? Eine Reihe von Philosophen hat es
behauptet. Auch dieser Typ von Systemen hat eine Entwicklung durchgemacht.
Die Inhaltslogik HEGELs hat weitreichende geschichtliche Bedeutung
erlangt. Ein anderes System erweist sich – zumindest nach unserer
Ansicht – als bahnbrechend für die weitere Entwicklung der
Wissenschaft dieser Menschheit: die Grundwissenschaft des bisher eher
unbeachtet gebliebenen Philosophen KRAUSE. Diese Grundwissenschaft ist
in den von mir 1981 neu herausgegebenen "Vorlesungen über das System
der Philosophie" enthalten, die sich daraus ergebende Logik im Werk
"Vorlesungen über Synthetische Logik". Die Grundlagen der
Mathematik sind ebenfalls in der GRUNDWISSENSCHAFT und in einem
Aufsatz enthalten, der im Buch Pflegerl: "Die Vollendete Kunst"
neuerdings abgedruckt ist. Im hier begrenzten Rahmen wäre es
unmöglich, diese Lehren darzustellen. Wir werden aber unter
Berücksichtigung dieser neuen Grundwissenschaft, den Versuch unternehmen,
an einem BEISPIEL, das jedem Leser leicht einsichtig sein wird, zu zeigen,
worin die bahnbrechenden Neuerungen dieser Lehren für Logik und Mathematik
bestehen. Bereits an diesem, relativ eingeschränkten Beispiel lassen sich
nämlich die Grundzüge der neuen Logik (SL) und jene Axiome zeigen, welche
in der Lage sind, die Grundlagenkrise der modernen Mathematik und damit auch
der mathematischen Logik zu beheben. Festgehalten sei aber, dass eine
kritische Auseinandersetzung mit der Grundwissenschaft nicht umhinkäme,
diese selbst und die SL gründlich durchzudenken.
In der Mathematik
sind Gedankenmodelle beliebt. (Man überlegt etwa, welche Geometrie
Lebewesen hätten, die nur aus zwei Dimensionen bestehen und auf einer Kugel
leben.)In unserem Gedankenexperiment wollen wir annehmen, es lebe irgendwo
eine Gesellschaft von Menschen, das Volk der Karidonier, dessen Universum
nur aus einer unendlich langen, geraden Linie besteht. Generationen von
Forschern analysieren dieselbe und stellen Überlegungen an, wie diese Linie
richtig zu erkennen sei, welche Logik sich aus den Inhalten dieser
Erforschung ergebe. Sie fragen also: Wie muss der Bau unserer Logik sein,
damit wir die Linie so denken, wie es ihrem Inhalt, ihrem Bau entspricht.
Hier das Ergebnis: Wichtig ist bereits einleitend zu beachten, dass die
deutsche Umgangssprache nicht ausreicht, um die hier entwickelten
Erkenntnisse genau zu bezeichnen. Es müssen daher einige neue, klarere
Bezeichnungen für das Erkannte, für das Gedachte eingeführt werden (z. B.
"Or" für das Ungegenheitlich/Ganze/Eine, "ant" für das
Gegenheitliche, "mäl" für das Vereinte, "Ab" für die
Beziehung des Höheren zum Niederen, "Neb" für die Beziehung von
Nebengliedern usw.). Da die hier deduzierten, abgeleiteten Begriffe im
System (LO) eine andere Bedeutung haben, als in der bisherigen
Umgangssprache und den bisherigen Wissenschaftssprachen, werden sie in der
Axiomatisierung (LO) in einer besonderen Schrift (Lucida Sans) geschrieben. Umgekehrt wird hier aber auch
dazu angeregt, bisher überhaupt nicht gründlich genug Gedachtes erst
einmal überhaupt zu denken.
(LO 1) Was die Linie o AN sich ist

"AN" einem
Wesentlichen ist, was von ihm ganz, durchaus gilt. "IN" einem Wesentlichen ist dasjenige
Wesentliche, welches von ersterem ein Teil ist, und Gleichartiges des
ersteren außer sich hat. Betrachtet wird bei der Linie o in (LO 1), was sie
AN sich ist, also noch nicht, inwieweit sie vielleicht auch Teile usw.
hat.(LO 1.1) AN der Linie o wird die Wesenheit go (in der FIGUR 2 go, gu,
gi, ge usw.) erkannt. An der Wesenheit die Einheit.
Dass die Linie im weiteren (LO 1.2) und (LO 1.3) auch Zweiheit, Mehrheit,
Vielheit,
Vereinheit von mehreren Teilen usw. ist und hat, wird hier noch nicht erkannt. Die Einheit, die hier erkannt wird, ist eine ungegliederte, allen Teilheiten und Vielheiten "IN" der Linie übergeordnete Einheit, die wir der Genauigkeit wegen als OrEinheit (go) bezeichnen können.
(LO 1.2) AN der Wesenheiteinheit go der Linie werden die Selbheit (gi) und die Ganzheit (ge) erkannt. Die Selbheit bezeichnet man üblicherweise als Absolutheit und die Ganzheit als Unendlichkeit. Die Linie ist AN sich Eine, absolut und unendlich. Das Wort "Ganzheit" meint hier nicht eine Summe von Elementen, die zu einer Ganzheit zusammengefasst sind. (Diese finden sich erst in (LO 1.2 und LO 1.3.) Die Linie o ist IN sich auch Summen von Teilen usw. Aber als Linie o ist diese Verein–Ganzheit von Teilen noch nicht ersichtlich oder erkennbar. Diese Or–Ganzeit oder unendliche Ganzheit ist ein "über"geordneter Begriff. Das Wort "Selbheit" oder Absolutheit" der Linie o meint, dass sie an sich ist, ohne irgend ein Verhältnis nach außen. (Dies stimmt auch in unserem Modell, da es bei den Karidoniern außer der Linie o ja nichts gibt.)Wesenheiteinheit (go), Selbheit (gi) und Ganzheit (go) stehen in der Gliederung der FIGUR 2 zueinander. Für die Gliederung der Mathematik sind go, gi und ge die Grundaxiome. Für die Lehre von Gegensatz, Negation, positiven und negativen Zahlen sind es die Ableitungen IN go, für die Lehre von den Verhältnissen sind es die Ableitungen IN gi und für die Ganzheitslehre die Ableitungen IN ge. Go und ge sind auch miteinander vereint und mit go als gu.
(LO 2) Was die Linie o IN sich ist

Die Linie o ist IN sich gemäß der
obigen Zeichnung Gegenlinie und Vereinlinie nach INNEN, so dass die Linie IN
sich zwei ihr als o untergeordnete und IN ihr selbst als ganzer selber Linie nebengegenheitliche Linien i und e ist, welche AN sich
gleichwesentlich und sich darin neben-gegenheitlich sind, dass die eine von
beiden ist, was die andere nicht ist und umgekehrt. Die Linie o aber,
sofern sie ÜBER sich selbst als die beiden nebengegenheitlichen
entgegengesetzten Linien i und e ist, ist die Urlinie u, von i und e unterschieden, und
insoweit ist die Linie o in sich eine doppelgliedrige AB-Gegenlinie. Die Linie ist als u auch vereint mit
den beiden Gegenlinien i und e. Die beiden Neben-Gegenlinien sind
ebenfalls miteinander vereint.
(LO 2.1) IN der Linie o in der ersten Gliederung sind nur 2 Linien, die durch den Punkt X voneinander getrennt sind. Es gibt das Erste und das Zweite, das Zweite ist das Andere des Ersten. Das Erste ist, was das Zweite nicht ist und umgekehrt. Beide sind einander nebenentgegengesetzt, nebengegenheitlich, andererseits ist aber die Entgegengesetztheit der beiden gegen die Linie u eine Ab-gegenheit. Die Gegenheit der beiden Glieder gegen u ist also eine andere als die Gegenheit der beiden i und e gegeneinander. Die Linie o ist IN sich beide. Man kann also nicht sagen, das Eine ist die Linie o und das Andere sind die beiden Linien i und e. sondern es ist zu sagen: Die Linie o ist In sich sowohl das Eine als auch das Andere. Unrichtig ist aber zu sagen: Die Linie o ist beide. Daraus ergibt sich, dass die innere Gegenheit in der Linie o zwei Glieder hat. Es ist unmöglich anzunehmen, dass die innere Gegenheit nur ein Glied hätte. Dadurch dass die eine der beiden Linien i nicht ist, was die andere Linie e ist, wird von der Linie o überhaupt nichts verneint. Weiterhin ist zu beachten, dass die Linie o, soweit sie ÜBER i und e ist, und erst in dieser Hinsicht eine Beziehung nach innen hat, in (LO 1) aber, AN der Or-Linie o solche Beziehungen nicht gegeben sind ( Es sei denn, man meint alle Beziehungen, die wir in (LO 1) darlegten, diese Beziehungen sind Aber AN-Beziehungen.)

(LO 2.2.) Die in (LO 1.2) angeführten Begriffe der Wesenheit und ihrer AN-Gliederung, also Wesenheiteinheit, Selbheit (LO 2.2) Die in (LO 1.2) angeführten Begriffe der Wesenheit go und ihrer AN-Gliederung
n also Wesenheiteinheit, Selbeit und Ganzheit (FIGUR 2) - erfahren bei der Gliederung der Linie o IN (LO 2) durch Linie u und die beiden Linien i und e ebenfalls eine Ab-Gegen-, Neben-Gegen- und Vereingliederung, die folgend darstellbar ist:
(LO 2.2.1) Die Wesenheit go, der unendlichen unbedingten Linie o erfährt an den beiden Linien i und e eine Veränderung. Die Neben-Gegen-Wesenheit der beiden Linien ist ihre Artheit (Art, Qualität). In der Linie o ist zuerst einmal eine nur zweigliedrige Artheit: der qualitative Unterschied zwischen i und e.
(LO 2.2.2) Für die beiden Nebengegen-Glieder i und e ergibt sich als Gegenheit der Selbheit (gi) die Verhaltheit, das Verhältnis. Sie stehen zueinander in einem Neben-Verhältnis, zur Linie u in einem Über-Unterverhältnis usw. AN der Linie o in (LO 1) gibt es keine Gegen-Verhältnisse, sondern die Eine Selbheit, als Or-Selbheit. i verhält sich zu e in bestimmter Weise. Das Gegenselbe steht sich als ein Anderes wechselseitig entgegen, eines ist des anderen Objekt.
(LO 2.2.3) Für die beiden Neben-Gegenglieder i und e ergibt sich als Gegenheit der Ganzheit (Or-Ganzheit der Linie o) die Teilheit. Das Gegenganze ist Teilheit. Die Linie o ist IN sich zwei und nur zwei Teile i und e. Hier ist auch die höchste Grundlage des Mengenbegriffes gegeben. Man kann nicht sagen: die Linie o ist eine Menge, weil AN der Linie überhaupt keine Teilheit ist, wohl aber die Linie o ist IN sich in dieser ersten Gegenheit zwei und nur zwei Teile (Elemente). Wir unterscheiden aber die Ab-Teilung von der Neben-Teilung. Denn die untergegenheitlichen Teile nennt man Unter-Teile, (Ab-Ant-Ganze). In der Vereinigung ergibt sich das Vereinganze der Teile, die Erste Summenbildung von i und e
(LO 2.3). Auch hinsichtlich des Wie der Wesenheit usw. hinsichtlich der Begriffe der Formheit do usw. ergeben sich für die gegenheitlichen Linie i und e neue Bestimmungen.
Unter (LO 1.2.1) fanden wir, dass die Linie o Satzheit do hat. Hinsichtlich der Gliederung o, i, e, usw. ergibt sich hier Gegen-Satzheit und zwar wiederum Neben-Gegensatz zwischen i und e, Ab-Gegensatzheit zwischen u und i usw. Die Gegensatzheit ist die Bestimmtheit. Bestimmtheit ist also eine Teilwesenheit an der Satzheit als Gegensatzheit. i ist also gegen e bestimmt, aber auch u bestimmt e und i usw. Diese Gegensatzheit hat selbst auch eine Form. Die Or-Satzheit ist der Form nach ganz Jaheit, ohne Neinheit, also Or-Jaheit. Diese Jaheit ist nun selbst wiederum gegliedert
Statt der Or-Jaheit kann man sagen, die unendliche und unbedingte Positivität. Was die Gegen-Jaheit betrifft, so ist diese zugleich Gegen-Neinheit, entgegengesetzte Verneinheit (oppositive Negativität). Das Nein oder Nicht wird daher nur hier erkannt. Die Gegenneinheit ist nur an der Gegenjaheit. Dadurch dass i bestimmt ist als das Eine von zwei Wesentlichen, ist es auch zugleich bestimmt als nicht sein Anderes, sein Gegenheitliches, hier also e ist von ihm verneint. Das Nein ist also nur in einer Beziehung gegen ein Anderes. Durch die gegenseitige Teilverneiung i gegen e und umgekehrt, wird von der Unendlichen und unbedingten Linie o überhaupt nichts verneint. Hinsichtlich der Linie o ist das Nicht nicht. Die Bestimmtheit i gegen e besteht darin, dass es e ausschließt. Hier liegt die Grundlage der Wörter ja, nein, Nichts, des logischen „ist nicht“. Zu beachten sind natürlich auch die Gegenjaheiten von der Linie u gegen i bzw. e (Unter-Gegen-Verneinung oder Ab-Ant-Verneinung).
(LO 2.3.1) Auch die Satz-Einheit, an der Linie o unendliche und unbedingte Einheit der Satzheit (oder Zahleinheit), ist hier gegenheitlich zu finden als:
also Satz-Gegeneinheit, Satz-Vereinheit. Für die Zahl-Gegeneinheit wird das Wort Vielheit oder Mehrheit benützt. Zu beachten ist aber, dass hier noch keine Vielheit gegeben ist, die mehr als Zweiheit wäre (Gegeneinheit). Statt der Vereinzahlheit sagt man Allheit, Totalität, die aber hier nur aus zwei vereinten Gegen-Gliedern besteht. Von der Linie o gilt unbedingte und unendliche Zahleinheit, keine Vielheit, oder Mehrheit, keine Allheit. Die Linie o ist IN/UNTER sich die Vielheit und das Viele, die Allheit und das All oder die Totalität, das Universum aller Glieder in sich. Jede ursprüngliche Vielheit in der Linie o ist eine Zweiheit, und jede Vereinzahlheit ursprünglich eine vereinte Zweiheit, da der Gegensatz, oder die nach Ja und Nein bestimmte Gegenheit nur zweigliedrig ist. Die unbestimmte Vielheit oder Vielzahligkeit ist hier noch nicht gegeben, z.B. die unendliche Vielzahligkeit 1,2,3,4,5, usw.
Hier liegen die Grundlagen der Zahlentheorie: die oberste Zahl ist die unendliche, unbedingte Eins (o). In ihr sind die beiden gegenheitlichen Zahlen i und e, die ebenfalls noch unendlich sind, aber gegeneinander begrenzt durch X. Sie sind nicht mehr absolut, sondern gegeneinander und gegen u relativ. Hier liegen die Grundlagen der widerspruchsfreien Mengenlehre. Denn die beiden ersten „Mengen", INNEREN Elemente, von o sind i und e, beide selbst noch unendlich, aber bereits relativ.
(LO 2.3.1.1) Die Form der Satzeinheit oder Zahleinheit ist die unendliche, unbedingte Jaheit. Die Jaheit ist dann selbst wiederum gegliedert wie unter (LO 2.3). Daraus ergibt sich die Jaheit und Neinheit der Zahlheit, hier aber erst für die beiden Teile i und e. Hier findet sich die Grundlage der mathematischen Lehre von den Zahlen und Gegenzahlen (den positiven und negativen Zahlen).
(LO 2.3.1.2) Auch die Richtheit di (als Form der Selbheit in LO 1.2.1) erfährt hier weitere Bestimmung:
Hier wird die Gegenrichtheit erkannt. Und zwar haben i und e nebengegenheitliche Richtheit. i „fängt“ bei X an und „geht in die eine Richtung", e „fängt“ bei X an und „geht in die andere Richtung“. Weiters ist die Richtung von u nach i und e und umgekehrt von i nach u usw. zu erkennen. Anstatt Richtheit sagt man gewöhnlich Dimension, Erstreckung. Der Begriff der Richtheit ist für die Ausbildung der Mathematik wichtig, bisher aber ungenau erkannt und entwickelt. Hier ist zu unterscheiden: die Eine Ganze Richtheit (Or-Richtheit di) der Linie o; die Neben-Gegenrichtheit an den Teilganzen i und e und andererseits die Ab-Gegenrichtheit u gegen i und e usw. Hier hat der Begriff der Richtheit noch nichts mit Zeit und Bewegung zu tun. (In der Umgangssprache wird Richtung ausgedrückt durch: hin und her, auf und ab, hinüber und herüber.)
(LO 2.3.1.3) Auch die eine selbe ganze Fassheit de, als Form der Ganzheit erfährt hier Bestimmung.
Die Linie o hat „ungeteilte“ ganze Fassheit (Or-Fassheit), die beiden inneren Teile i und e haben Neben-Gegenfassheit, u hat gegen i und e Ab-Gegen-Fassheit, schließlich erkennen wir alle Vereinfassheiten. Auch hier kann man sagen, dass die Linie o ganze Fass-Jaheit hat, dass aber von i und e neben-wechselseitig Fassjaheit und Fassneinheit gilt. Denn i fasst das, was e nicht fasst und umgekehrt. Daraus ergibt sich das In-Sein und Außensein. e ist außer i und i ist außer e.
(LO 2.3.1.3.1) An dieser Stelle müssen wir noch genauer fragen: Wie ist die FORM dieses In-und Außensein? Die Form dieses einander In- und Außenseins ist die Grenzheit. Das sieht man leicht indem man sagt: X ist die Grenze von i und e. Dort wo die Inbefassung von i aufhört, an der Grenze X, da fängt die Inbefassung von e an. Grenzheit, Grenze ist also die Form des Gegenfassigen. Es ist also deutlich, daß An der Linie o keine Grenze ist, sondern dass erst in der ersten In-Teilung derselben, an i und e die Grenzheit als X gegeben und erkannt wird. i und e haben daher eine gemeinsame Grenze. Die Grenze X ist weder i noch e, sie ist ihre gemeinsame Grenze.
(LO 2.3.1.3.2) Fragen wir nun, was ist IN dem, was da ingefasst, eingefasst wird. Der Inhalt des Infassigen wird als groß oder Großheit bezeichnet. Damit Größe da sein kann, muß etwas innerhalb bestimmter Grenzheit bejahig befasst sein. Der Begriff der Großheit ist wiederum für die Mathematik grundlegend. Man hat daher die Mathematik oft irrtümlich auf die Größenlehre beschränkt. Hier wird aber gezeigt, dass die Mathematik viel mehr umfasst, und dass der Begriff der Großheit bisher auch nicht richtig erkannt wurde.
Betrachten wir das inbegrenzte Große, so erscheint die Grenze desselben als dessen Ende, als Endheit, oder umgekehrt als Anfang. Hier erkennen wir die Begriffe Endheit, Endlichkeit, und Un-Endlichkeit. Die Endlichkeit ist eine Bestimmung der Grenzheit, die Grenzheit wieder eine Bestimmung der Gegenfaßheit an der Großheit und mithin daher eine Bestimmung der Ganzheit als Gegenganzheit. Daraus zeigt sich, daß der Begriff der Endlichkeit nicht richtig gefunden wird, ohne die Begriffe der einen, selben, ganzen Richtheit (di), der Faßheit (de) und der Ganzheit (ge). Von der Linie o kann nicht gesagt werden, daß sie an sich endlich ist, oder Grenze hat, sondern nur, dass sie ganz (organz) ist und in ihrer Ganzheit auch alle Endlichkeit und Grenzheit des Gegenganzen in sich befasst.
(LO 3) In der dritten Erkenntnis fassen wir zusammen, was bisher erkannt wurde, also was die Linie o AN und IN sich ist.
Es gilt: Die Linie o ist AN sich und IN sich ein Organismus, heute würde man auch sagen eine Struktur. Die An-Gliederung und die Ingliederung wurden unter (LO 1 und LO 2) dargestellt.
(LO 3.1) Dieser bisher dargestellte Gliedbau (Organismus, Struktur) der Linie o ist „voll"ständig. Hier ergibt sich die erste Erkenntnis hinsichtlich der Begriffe ALL-heit, Totalitiät. Diese Allheit ist aber nicht irgendeine unbestimmte verschwommene, sondern die Gliederung ist deutlich bestimmt.
(LO 3.1.1) Aus dieser Gliederung ergibt sich auch, dass die Gegenheit nur zweigliedrig ist, denn es gibt keine anderen inneren Glieder der Linie o als i und e, und deren Jaheit und Gegenjaheit (Neinheit). Natürlich gibt es auch „noch endlichere“ Linie in o, aber das wird sich erst im folgenden ergeben.
(LO 3.1.2) Für diesen gegliederten Organismus gilt auch, dass alle hier entwickelten Begriffe aufeinander anzuwenden sind. So hat z.B. die Ganzheit (ge) auch Wesenheit, Selbheit und Gegenselbheit, also Verhaltheit, Ganzheit, sie hat eine bestimmte Form oder ist in bestimmter Grenzheit, gegenüber der Selbheit, usw. Wenn also derjenige Teil der Mathematik der sich mit Größen beschäftigt, voll ausgebildet werden soll, dann muss an der unendlichen und nach innen absoluten Ganzheit (hier Or-Ganzheit der Linie o) begonnen werden, was bisher nicht geschehen ist. Ein anderer Zweig der Mathematik ergibt sich aber aus der Selbheit (gi) und Gegenselbheit (Verhaltheit, Verhältnis), wenn dieser Begriff nach allen anderen Begriffen durchbestimmt wird (z.B. die Lehre von den Proportionen usw.).
(LO 4.1) Jeder der beiden Teile i und e in der Linie o (und auch die Vereinigung der beiden) ist selbst wiederum AN und IN sich Struktur, Organismus gemäß der Struktur (LO 1-3), also hat selbst wieder eine der Linie o ähnliche Struktur.
Es gilt: Wie sich die Linie o zu u, i und e und deren Gegenheiten und Vereinheiten verhält, so verhält sich wiederum i zu dem, was es IN sich ist, usw...
(LO 4.1.1) Die Form dieses Ähnlichkeitsverhältnisses ist die Stufung, Abstufung (Stufheit), wobei sich das unter (LO 2.3.1.3) dargestellte Insein und Außensein nach innen fortsetzt.
(LO 4.1.2) Fahren wir nun mit der inneren Gliederung von i und e und deren Vereinigung fort, so ergeben sich in i unendlich viele Linien gemäß a1, in e unendlich viele Linien wie b1 und in der Vereinigung von i und e unendlich viele Linien wie c1. Analysieren wir die Ganzheit, Großheit, Grenzheit und Endlichkeit (LO 2.3) dieser Linien a1, b1, c1, so fällt auf, dass sie zum Unterschied von den Linien i und e „auf beiden Seiten endlich sind“, beidseitig begrenzt sind, sie sind also ganz endlich, oder unendlich-endlich. i und e sind also in sich unendlich endliche Glieder. Ein solches Glied der Linie o nennt man nun individuell, partikular. Wichtig ist zu erkennen, dass sich die Art der Endlichkeit von i einerseits und a1 andererseits unterscheiden. Die Glieder i und z.B. a1 gehören verschiedenen Stufen der Grenzheit, Begrenzung, verschiedenen Grenzheitsstufen an. Die Erkenntnis dieses Unterschiedes in der Grenzheitsstufe von Elementen in einem unendlichen Ganzen ist entscheidend, um die Antinomien der bisherigen Mengenlehre zu vermeiden.
(LO 4.1.3) Frage: Hat diese Gliederung der Linie o nach innen ein Ende? Ja! Und zwar: Die Linie o ist beidseitig unendlich. Genauer gesagt: sie hat unendliche Or-Richtheit. Die Linien i und e gehören noch der gleichen Grenzheitsstufe an, sie sind auch noch unendlich, haben aber gegeneinander die Grenze X, sind nur mehr einseitig unendlich (endlich-unendlich). Die Glieder a1, b1, c1, sind beidseitig endlich, sind also in der Stufung der Grenzheit noch weiter innen. Teilt man jedoch a1 weiter in 3 Teile, so erhält man der Artheit nach keinen neuen Typ von Linien, weil 1/3 von a1 wiederum eine beidseitig begrenzte Linie ist. Die Grenzheitsstufe der Linientypen a1, b1, usw. ist also die letzte innere Grenzheitsstufe der Linie o. Hier ist das Ende der Endlichkeit (unterste Grenzheit; Grenze der Grenze).
(LO 4.1.4) An diesen unendlich endlichen Gliedern (Elementen) in/unter o ist nun in zweifacher Hinsicht Unendlichkeit.
1. In den Gliedern i, e und ihrer Vereinigung gibt es jeweils unendlich viele unendlich endliche Elemente (a1..,b1..,c1..).
2. Jedes unendlich endliche Glied a1, usw. ist selbst weiter unendlich teilbar und bestimmbar.
(LO 4.1.5) Das Endliche, Bestimmte oder Individuelle jeder Art und Stufe ist also nicht isoliert, gleichsam losgetrennt von dem, was neben und außer, über ihm ist (z.B. a1 von o), es ist in/unter seinem höheren Ganzen und mit ihm vereint, wie auch mit den Nebengliedern.
(LO 4.1.5.1) Aus den bisherigen inneren Gliederungen der Linie o ergeben sich nun folgende weitere axiomatische Folgerungen:
Die Stufung der Grenzheit und die Großheit sind nun mit der Selbheit und der Gegen-Selbheit, also der Verhaltheit verbunden (vereint). Die allgemeine Lehre von der Verhaltheit (von den Verhältnissen) begreift in sich Verhältnis, Verhältnisgleichheit (Analogie, Proportion), Verhältnis-Ungleichheit (Disproportion), Verhältnisreihe (Progression), nach gleichen oder ungleichen Verhältnissen; die ersten Reihen sind Gleichverhaltreihen oder Verhaltstufreihen (Potenzreihen). Hinsichtlich der Verhältnisgleichheit zeigt die reine Selbheitlehre zwei Grundoperationen: zu einen gegebenen Musterverhalte und einem gegebenen Hinterglied das gleichverhaltige Vorderglied zu finden; oder: zu einem gegebenen Vorderglied das gleichverhaltige Hinterglied zu finden. Auf die Ganzheit angewandt sind dies das Multiplizieren (Vorgliedbilden) und Dividieren (Nachgliedbilden).
(LO 4.1.5.2) Ferner entsteht hier das grenzheitsstufliche Verhältnis, also das Verhältnis von Ganzen, die zu verschiedenen Stufen der Grenzheit gehören (z.B. Linie i zu b1 usw.), als auch grenzheitsstufliche Verhältnisgleichheit, Verhältnis-Ungleichheit und Verhältnisreihe. Auch die analogen Axiome hinsichtlich der Verhältnisse von solchen Ganzen, die innerhalb einer und der selben Stufe der Grenzheit enthalten sind.
(LO 4.1.5.3) Hier ergeben sich nun zwei in der bisherigen Mathematik und Mengenlehre nicht beachtete wichtige Folgerungen.:
Jede selbganzwesenliche also unendliche und ansich unbedingte Einheit jeder Art und Stufe (hier die Linie o) ist in/unter sich unendlich viele Einheiten der nächstniederen Grenzheitsstufe (hier a1, b1, usw; beachte i und e sind von der gleichen Grenzheitsstufe, wie die Linie o selbst!!) und so ferner bis zur untersten Grundstufe (die hier mit der beidseitig begrenzten Linie gegeben ist). Diese Grundstufe ist nach allen Richtheiten (Strecken, Dimensionen) endlich, und besteht selbst wiederum aus unendlich vielen Einheiten dieser untersten Stufe (a1 kann man weiter unendlich teilen). Jede jedstufige unendliche Einheit besteht aus unendlich vielen unendlich endlichen Einheiten der untersten Stufe.
(LO 4.1.5.3.1) Wir können uns auch ein ähnliches Volk wie die Karidonier vorstellen, welches als Kosmos nicht nur eine Linie o sondern eine Fläche besitzt, welche nach den in unserem Artikel PC News 3/91; 2.2 erwähnten Grundsätzen gegliedert ist. Da zeigt sich, daß die Fläche in sich 4 Grenzheitsstufen hat, wobei erst die 4.Stufe unendlich endliche Flächen als unterste Stufe ergibt.
(LO 4.1.5.4) Hier zeigt sich auch der Grundbegriff der unendlichen Vielheit und darin der unbestimmten Vielheit oder der unendlichen und darin der unbestimmten Zahlheit, wobei ein Unendlich-Ganzes des Gleichartigen (hier der Linie o) vorausgesetzt wird, worin innerhalb vollendet bestimmter Grenze, die endliche Einheit der Unendlichkeit des Ganzen wegen, willkürlich angenommen wird.
(LO 4.1.5.4.1) Hierauf beruht die mathematische Voraussetzung, dass die Zahlenreihe 1,2,3,.. und so fort unendlich ist und dass auch wiederum an jeder Zahl die ganze Zahlenreihe darstellbar ist, durch Zweiteilung, Dreiteilung, Vierteilung usw. ohne Ende. Diese hier bewiesene, unendliche und unbestimmte Vielheit, als Grundaxiom der allgemeinen Zahlheitlehre (Arithmetik und Analysis) ist wiederum eine doppelte. Einmal die unendliche Artvielheit oder Artzahlheit von Einheiten, welche artverschieden sind, oder die Zahlheit der diskreten Zahlen. (Dies ergibt sich aus dem obigen Satz LO 4.1.5.3)
Hier zeigt sich aber zum anderen auch die unendliche stetige Zahlheit, oder Stetzahlheit an Einheiten, welche in ihrem stetigen Ganzen selbst binnen bestimmbarer Grenze stetig und unendlich teilbar sind. Dies ergibt sich aus: Alles Stetige, Wesenheitgleiche ist in sich unendlich bestimmbar und teilbar. Die Lehre von der Artzahlheit ist übrigens von der Stetzahlheit zu unterscheiden.
(LO 4.1.5.4.2) Im weiteren ergibt sich hieraus das Axiom der stetigen Großheit, und der stetigen Größen: unendliche Teilbarkeit, unendliche Vielmaligkeit jedes Endlichen in seinem Unendlichen der nächsthöheren Stufe; die Gegenrichtheit hinsichtlich der Richtheit (Strecke, Dimension), das ist die Lehre von den gegenrichtheitlichen Größen, den positiven und negativen Größen. Ferner die Axiome der Stetgroßheit und der Stetgrößen nach der SELBHEIT und der VERHALTHEIT. Denn es ist eine Größe entweder eine selbheitliche Größe (Selbgröße; absolute Größe) oder eine verhaltliche Größe (gegenselbheitliche Größe), Verhaltgröße, relative Größe, welche hinsichtlich der mit ihr verglichenen Größe groß oder klein ist. Die Größeverhaltheit ist selbst wiederum eine der Gegenselbheit (ein arithmetisches Verhältnis oder Restverhältnis) oder eine der Vereinselbheit, darunter auch der Vielheit( ein sogenanntes geometrisches Verhältnis). Das gleiche gilt von der Verhaltheit hinsichtlich der Stetgroßheit.
(LO 4.1.5.4.3) Alle Größen der selben Grenzheitsstufe (hier die Linien a1, bn, c5.. usw.) stehen zu einer jeden beliebigen Größe der gleichen Grenzheitsstufe in einem bestimmten Größenverhältnis, welche letztere, wenn sie das bestimmende Glied jedes Verhältnisses ist, die Grundeinheit oder absolute Einheit genannt wird. (z. B. Verhältnis 1 zu 3 oder 3 zu 1 usw.) Jedes Verhältnis der Ungleichheit ist diesseits oder jenseits des Verhältnisses 1..1, und zwar entweder eines der größeren Ungleichheit z.B. 3 zu 1 oder der kleineren Ungleichheit z.B. 1 zu 3. (vgl. auch vorne unter LO 4.1.5.1) die Grundoperationen des Multiplizierens und Dividierens).
(LO 4.1.5.4.4) Rein nach der Grundwesenheit der Selbheit sind an dem Stetgroßen folgende Operationen gegeben: Addition und Subtraktion, indem entweder aus den Teilen das Teilganze oder aus einem oder mehreren Teilen des Teilganzen der andere Teil (der Rest) bestimmt wird.
(LO 4.1.5.4.5) Die Verhaltheit der Stetgrößen ist selbst artgegenheitlich (qualitativ) verschieden. Denn sie ist, wie alles Endliche, Bestimmte selbst nach Unendlichkeit und Endlichkeit bestimmt. Daher ist jedes geometrische Verhältnis zweier Stetgrößen entweder ein unendliches oder ein endliches. Ersteres, wenn keine gemeinsame Einheit diese beide Glieder mißt, das Verhältnis also unzahlig oder unwechselmeßbar (irrational und inkommensurabel) ist, letzteres, wenn beide Glieder von derselben Einheit gemessen werden, das Verhältnis also zahlig und wechselmeßbar ist.
(LO 4.1.5.5) Für die Begründung einer antinomienfreien Mengenlehre ist folgender Satz fundamental: Ein jedes Glied, ein jeder Teil einer bestimmten Grenzheitsstufe hat zu dem ihm übergeordneten Ganzen der nächsthöheren Grenzheitsstufe überhaupt kein Verhältnis der Großheit oder endlichen Vielheit. Man kann also nicht sagen: Die Linie o oder i sind größer als a1, oder b1. Wir haben zu beachten: Es gibt die Zahl, „Or-Größe“ Linie o, dann die beiden In-Größen (In-Zahlen) i und e, und schließlich die unendlich endlichen Größen wie a1, b5, c7 usw.
Die von den Karidoniern entwickelte Grundwissenschaft der Linie o haben wir in einigen Aspekten dargestellt. Wir setzen nun unser Gedankenexperiment fort. Der Karidonier Mart Ulansidor gelangt durch eine abenteuerliche Reise in „unsere Welt“. Da ist er einerseits erstaunt über die unendlich viel reichere Geometrie, die wir besitzen, haben wir doch zweidimensionale und dreidimensionale Raumgebilde, also einen unendlich viel höheren Grad an Raumunendlichkeiten, die über seine Welt der Linie hinausgehen. Neben der viel reicheren Geometrie bemerkt er aber auch die Vielfalt anderer Gegenstände, die unsere Welt bevölkert.
So sehr er davon fasziniert ist, so sehr erstaunt ihn andererseits bei Durchsicht der mathematischen und logischen Schriften unseres Planeten der Umstand, dass man versucht, Logik und Mathematik auf die Ebene (LO 3) im System der Karidonier zu beschränken, dass das Problem der Unendlichkeit in der Mathematik seit CANTOR zu einer Grundlagenkrise führte, und prominente Denker wie BROUWER meinen, das Unendliche sei die Möglichkeit einer unbeschränkten geistigen Konstruktion, es gebe kein Aktual-Unendliches, sondern nur ein Potentiell-Unendliches. Endliche Mengen entstünden dann durch eine Hemmung des Erzeugungsprozesses. In den Schriften der formalen Logik (etwa dem“ Grundriß der formalen