

"Integration" und Ethnizität
Politische Konflikte und Tabus der Integrationsdebatte
Eine soziale Installation
Raul Kilter
Grundbemerkung
Hinsichtlich der Überwindung dieses Zustandes wird von Cathrin Horner ein Grundrechtskatalog angeboten, der einen universalistischen Humanismus und Sozialismus offeriert. Dieser ist integraler Bestandteil auch dieser Studie. Die Überwindung von Ideologien ist nur in einem neuen Universalismus möglich, der selbst vor ideologischer Instrumentalisierung und Verengung geschützt ist.
Der Autor hat
das Modell bereits 1975 entworfen. Auch die neuesten integrativen Ansätze
prominenter Sozialphilosophen und Theoretiker wie Habermas, Bourdieu und Giddens
haben in ihren Versuchen, die Vielfalt der Makro- und der Mikrotheorien in
einer einzigen Theorie zu vereinigen, keine wesentlichen Fortschritte gegenüber
diesem Modell geboten.
Das Modell liegt weiterhin im Trend der Systemtheorie. Münch schreibt etwa: "Die Soziologie hat viele Anläufe zur Beantwortung der Frage nach der Integration moderner Gesellschaften genommen. Sie alle sind weder ausreichend noch wertlos. Es kommt heute darauf an, aus ihnen eine umfassende Theorie aufzubauen. Kein einzelner Theorieansatz kann für sich beanspruchen, umfassend genug konstruiert zu sein, um auf die anderen Ansätze verzichten zu können. Die Soziologie braucht weiterhin alle." Aus den einzelnen Theorien müsste nach Münch ein Theoriennetz geknüpft werden. Das Denken in Netzen ist zeitgemäß, aber selbst eine Folge medial induzierter Bewusstseinsveränderungen, die keineswegs die letzten Bewusstseinsparadigmen sein müssen.
Das Argument
gegen derartige Systemansätze mag in der hohen Komplexität liegen. Es ist aber
offensichtlich, dass soziales Handeln, das sich an Modellen orientiert, welche
der faktischen Komplexität eines Systems nicht gerecht werden, bereits selbst
diskriminierende Implikationen besitzt. Soziales und vor allem politisches
Handeln, das komplexitätsreduzierend ist, bedeutet, wie zu zeigen sein wird,
häufig selbst ideologische Verkürzung. Der Mut zur Komplexität ist daher
geboten. Zur Systemtheorie gehören auch die hochkomplexen staatlichen
Steuerungsprozesse fiskalischer oder sozialer Infrastrukturen. Sie sind Beleg
dafür, dass Komplexitätsbewältigung auf hohen Niveaus möglich und letztlich auch
effizient realisierbar ist. Eine Ausdehnung in andere Bereich erscheint daher
nicht utopisch.
Es erscheint merkwürdig: Bereits Kinder werden in die Lage versetzt, komplexe Baupläne z.B. einer unten abgebildeten Lokomotive in allen Einzelheiten zu analysieren, die Funktionen und ihr Zusammenspiel zu berücksichtigen und das Gerät in seinen Teilen und im Gesamten zu verstehen. Bei der Analyse unserer Gesellschaft haben wir die größten Schwierigkeiten, die Komplexität ausreichend differenziert zu erarbeiten.


Man muss im Gegenteil feststellen, dass die gegenseitige faktisch-reale Durchdringung aller relevanten Aspekte des Gesellschaftlichen in unserem Modell wesentlich transparenter wird, wenn sich dadurch auch andererseits die Komplexität für den Leser erhöht. Gerade der Umstand, dass sich aber manche Forscher und damit noch mehr die "einfachen" Bürger dieser Komplexität nicht stellen, führt zu Trivialisierungen und Fehlbeurteilungen gesellschaftlicher und politischer Phänomene. Um diese Behauptungen zu überprüfen, können etwa alle in einer Zusammenfassung der zeitgenössischen soziologischen Theorien enthaltenen Ansätze mühelos in unser Modell integriert werden. Wir werden an einzelnen Stellen des Modells auf diese modernen Makro- und Mikrotheorien sowie auf integrative Ansätze eingehen. Die Gesellschaftstheorien werden gleichsam aus den Höhen hochaggregierter Abstraktionsniveaus in die Niederungen eines pragmatischen Mediums eingetaucht, in dem das Unterfangen der Analyse an der Komplexität des Ansatzes zu scheitern droht. Dass dieser Schritt bisher nicht ausreichend erfolgte, hat allerdings auch seine bitteren Folgen gezeitigt. Monokausale oder von partialen Elementen der Gesellschaft ausgehende Erklärungen des Gesamten haben zur Akzentuierung immer neuer Gegenpositionen, zu Erweiterungen und Relativierungen geführt. Diskriminierungsprozesse und ihr Sonderfall, der Rassismus, finden sich jedoch in allen Ecken und Enden des Systems, und jede Ecke und jeder Winkel des Systems hängt mit allen anderen Faktoren zusammen.
Eine
hochindustrialisierte Gesellschaft wäre gekennzeichnet durch folgende vier
Ebenen, die ihrerseits in eine Mehrzahl soziologisch eindeutig abgrenzbarer
Unterbereiche zerfallen.
1.1 Religion – Kultur – Technologie – Wissenschaft – Kunst
1.2 Sprache – Kommunikation – Medien
1.3 Wirtschaft
1.4 Politik – Recht (Verfassung, Verwaltung, Gerichtsbarkeit) – Ethik
(Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-System
Die Kriterien einer jeden Ebene sind natürlich auf alle anderen zu beziehen. (Es gibt daher eine Wissenschaft der Wirtschaft oder umgekehrt eine Wirtschaft der Wissenschaft, oder eine Ethik der Kultur und umgekehrt eine Kultur der Ethik usw. Die Beziehungen wären kombinatorisch durchzudenken und erforderlichenfalls für praktische Untersuchungen heranzuziehen.)
Hinsichtlich
jeder Ebene sind für jede Gesellschaft die empirischen Realitäten möglichst
ausführlich anzusetzen, insbesondere auch alle wissenschaftlichen Theorien, die
sich mit diesen Bereichen der Gesellschaft beschäftigen. Selbstverständlich
beeinflussen bestimmte, einander oft bekämpfende Theorieansätze die Zustände in
einer Gesellschaft. (In Russland vor der Perestroika gab es
beispielsweise
nur eine einzige Wirtschafts- und Sozialtheorie und nur eine Philosophie. Alle
anderen Modelle wurden unterdrückt.)
Es erscheint für die Sozialtheorie unerlässlich, alle Ebenen einzeln und auch in ihren Wechselwirkungen zu beachten. Habermas hat etwa in seinen ursprünglichen Analysen des Spätkapitalismus neben der rein ökonomischen Ebene auch die politische integriert (erhöhter Staatseinfluss), ist aber in seinen weiteren Analysen durch die Einbeziehung der Sprach- und Kommunikationstheorie zu völlig neuen, komplexeren Positionen (Universalpragmatik und Postulate kommunikativer Vernunft), gelangt.
Für jede differenziertere Gesellschaft typisch ist die Gliederung in Schichten. Wer die Verbindung der Theorie der Ebenen der Gesellschaft mit jener der Schichten vernachlässigt, beraubt sich wichtiger Kriterien, die besonders für die Diskriminierungsforschung unerlässlich erscheinen.
Die wirtschaftlich-funktionelle Teilung der Gesellschaft spiegelt sich in den Schichten, die als miteinander verbundene, aber auch im Gegensatz zueinander stehende
6 unterschiedliche (Sprach-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Untersysteme
Für die westlichen Industriestaaten setzen wir folgende Schichten an:
Wir können die Verbindung zwischen Ebenen und Schichten durch den umseitigen Aufriss unseres Modells in der Figur 1 verdeutlichen.

Korte/Schäfers erwähnen
einen Statusaufbau der BRD nach Hradil:
Oberschicht
ca.
2 %
obere Mittelschicht
ca.
5 %
mittlere Mittelschicht
ca.
14 %
untere Mittelschicht
ca.
29 %
unterste Mitte/oberes Unten
ca.
29 %
Unterschicht
ca.
17 %
sozialer Bodensatz
ca.
4 %
(Es ist bedenklich genug, wenn Forscher wie hier Hradil die unterdrückten, unterprivilegierten untersten Segmente der Gesellschaft als "Bodensatz" bezeichnen.)
In dieser Schichtung wird auch dem Umstand Rechnung getragen, dass Teile der Arbeiterschaft bis in die untere Mittelschichte, Teile der kleinen Selbständigen ("alter Mittelstand") bis in die obere Mittelschichte und schließlich Angestellte und Beamte ("neuer Mittelstand") von der oberen Mittelschichte bis zur untersten Mittelschichte reichen.
Jede Schicht ist durch andere (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Eigenschaften gekennzeichnet, wobei die Position im Gesamtaufbau bereits die Erziehungsmethoden, kognitive Strukturen usw. prägt.
Eine Schichte
im Gesamtmodell ist in der Figur 1 gleichsam eine Scheibe, die herausgeschnitten
etwa folgende Gestalt und folgende Eigenheiten besitzt:

In
Theorieansätzen über Rassismus, Diskriminierungen usw. fehlen häufig die für die
ökonomischen Funktionszusammenhänge essentiellen Schichtungen in einer
Gesellschaft. Jede Schichte hat anderen Einfluss auf die Wirtschaftsprozesse und
ist selbst ein anderer Faktor. Jede Schichte hat besondere, aus der
Schichtzugehörigkeit tendierende, rassistische und faschistoide Tendenzen.
Zu beachten ist umgekehrt, dass Politiker verschiedener Parteien in
unterschiedlicher Weise rassistische, diskriminierende, nationale und religiöse
Einstellungen bestimmter Schichten kennen, auf diese Rücksicht nehmen, sie in
bestimmten Situationen des Gesamtsystems sogar verstärken und damit positive
Entwicklungen verhindern. Schließlich ist vorgreifend zu beachten, dass nicht
nur ökonomische Faktoren für die Schichtbildung relevant sind, sondern dass
trotz vergleichbar gleicher ökonomischer Situation (berufliche
Qualifikation und Berufsausübung) Personen nicht der gleichen Schichte
zugeordnet werden. Den besten Beweis hierfür liefern die als Fach- und
Hilfsarbeiter in den Industriestaaten lebenden Ausländer, deren Zugang zu
bestimmten qualifizierteren Arbeitsplätzen durch politisch motivierte
Regelungsmechanismen, wie Höchstbeschäftigungsquoten oder durch
bürokratisch überzogene Zugangshürden, beschränkt wird. Sie bilden
eindeutig neue Unterschichten unter der untersten heimischen Schicht. Wir
begegnen hier dem Phänomen der ethnischen Schichtung (siehe weiter unten).
Ein Blick auf
die Ideologiemilieus der Ersten Republik bietet
reichliches Material darüber, dass die Gliederung in Schichten keineswegs eine
Selbstverständlichkeit ist. Es gab etwa zwei radikale Ideologien, welche die
Gliederung der Gesellschaft nach Schichten nicht anerkannte. Die
orthodox-marxistische, radikal-progressive Theorie ging vom Klassenbegriff
aus und wollte
über die Zerstörung aller kapitalistischen Klassen durch die Arbeiterklasse
notfalls mit Gewalt über die Diktatur des Proletariats eine klassenlose
Gesellschaft
errichten und
damit eine gewaltsame horizontale Nivellierung
der bestehenden Klassengesellschaft erreichen. Die Reaktion aller
Rechtsgruppierungen lehnte den Klassenbegriff ab und entwickelte über den
Begriff des Standes
eine
rückwärtsgewandte, am hierarchisch mittelalterlichen Ständewesen orientierte
Utopie, bei welcher die Arbeiterklasse mit den Ständen der Unternehmer in
einen einzigen Stand integriert und
damit inhaltlich weitgehend ihrer Selbständigkeit beraubt worden wäre. Hier
wurde also eine vertikale hierarchische
Strukturierung mit mittelalterlichen Herrschaftselementen propagiert. Auch ist
wieder sichtbar, dass zwei Ideologien, die eine mit dem Ziel, eine horizontale,
die andere, eine
vertikale neue Struktur gewaltsam unter Zerstörung von Teilen des Bestehenden zu
erzwingen, die Stabilität
des bestehenden Systems in Frage stellten. Es war eine Gesellschaft mit einer
zunehmenden Spannung der Konfliktstruktur. Das historische Beispiel zeigt
auch, dass die Begriffe, mit denen Angehörige eines Systems dieses erfassen, von
Entwicklungen dieser Systeme nicht unabhängig sind und die Struktur dieser
Gesellschaft selbst oft durch Destabilisierung beeinflussen. Daran schließen
sich natürlich Fragen nach den Idealen künftiger Gesellschaften jenseits von
Ideologien an; Fragen danach, ob es eine ideologiefreie Erkenntnis von
Gesellschaft und Idealen künftiger Gesellschaftsformationen geben kann.
Im Zentrum
des Raummodells der Figur 1 befindet sich die jeweilige Wohnbevölkerung
einer Schichte, wie in Figur 2 klarer erkennbar ist. Hierbei wird einerseits die
prägende Wirkung der Ebenen und die Position im Gesamtaufbau auf den Einzelnen
(hier des Facharbeiters und seiner Familie) sichtbar, andererseits zeigt
sich die Wirkung, die von den einzelnen Menschen auf die Ebenen und die anderen
Schichten ausgeht. Für jeden Menschen sind im Weiteren Geschlecht und
Lebenszyklus Determinanten der sozialen Bestimmung. Hier ergeben sich weitere
entscheidende Zusatzdeterminanten für die Rassismustheorie. In allen derzeitigen
Gesellschaftssystemen ist etwa die Stellung der Frau in allen
gesellschaftlichen Kriterien hinsichtlich Ebenen, Schichten, auch der
ethnischen Schichten usw., diskriminierend verfestigt.
Eine weitere wichtige Überlegung liegt im Phänomen des "Herausfallens" aus der Schichtung. Wird ein Angestellter oder Arbeiter arbeitslos, gerät er und seine Familie in eine gefährliche Randsituation, weil er seinen Integrationsgrad in der Schichte nicht halten kann. Es tritt eine Desintegration ein, die seine wirtschaftliche, sprachliche, politische und kulturelle Identität bedroht, schwächt und schädigt. Ein ähnliches Phänomen, für die Diskriminierungsforschung noch wichtiger, ist die Arbeitslosigkeit Jugendlicher, die nach der Ausbildung überhaupt keine Perspektive auf eine berufliche Verankerung in der Gesellschaft haben.
In den modernen Gesellschaften Mitteleuropas sind
grundsätzlich zwei deutlich voneinander unterschiedene Arten von Minoritäten
anzunehmen:
Minderheit differieren daher von den kulturellen und
sprachlichen Inhalten der Mehrheitsgesellschaft.
Im Rahmen der Migrationswellen der letzten Jahre haben sich in Mitteleuropa neue Minderheiten niedergelassen, die teilweise die Staatsbürgerschaft des Aufnahmelandes erworben haben, teilweise vom Erwerb jedoch restringierend ausgeschlossen werden, denen aber in beiden Fällen rechtlich-politisch gesonderte sprachliche oder kulturelle Identitätsrechte nicht zugestanden werden. Eine rechtliche Verankerung derartiger spezieller Minoritätenrechte, wie sie die autochthonen Volksgruppen besitzen, besteht nicht.
Wir gelangen jetzt zu einer der Kernthesen dieser
Arbeit und wollen versuchen, uns derselben auf mehreren Wegen zu nähern.
In Figur 1 haben wir ein
Gesamtsystem dargestellt, das aus Ebenen besteht und in Schichten zerfällt –
unser (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-System.
Die einzelnen Schichten bilden
Scheiben, eine hiervon haben wir in Figur 2 herausgeschnit-ten. Wir müssen nun,
wenn wir etwa Österreich als ein solches System der Figur 1 ansetzen, davon
ausgehen, dass trotz der durch die Schichtung bestehenden gewaltigen
Unterschiede zwischen den Menschen der einzelnen Schichten sich diese selbst
doch auch in allen 6 (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Untersystemen bestimmte
Gemeinsamkeiten zusprechen, welche das Gesamtsystem kennzeichnen
(System-Homogenität). Dies wird uns sofort klar, wenn wir uns vorstellen, ein
türkischer Arbeitnehmer und seine Familie stoßen in dieses österreichische
System vor. Wir werden zugeben, dass auf der sprachlichen Ebene vorerst
Unverständlichkeit auf beiden Seiten herrscht, dass kulturelle und religiöse
Einstellungen äußerst unterschiedlich sind, dass die wirtschaftlichen und
politischen Haltungen des Türken völlig andere sind und er in Österreich
bestimmte Rechte der Einheimischen nicht besitzt. Um diese Differenz zwischen
der Mehrheitsgesellschaft und dem Türken der Minorität im vollen Umfang zu
erfassen, wollen wir uns u. a. eines Farbgleichnisses bedienen, da dieses eine
Methode darstellt, die Fülle der Differenz klarzumachen. Nicht wir
konstruieren durch das Farbengleichnis die Differenz, sondern das distanzierende
Verhalten der Men-schen im System bringt uns zu diesem Gleichnis.
Wir stellen uns nämlich vor, dass das österreichische (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-System mit seinen 6 (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Untersystemen von den Bürgern als grün erfasst wird. Auch wenn, wie wir sagten, dass dieses System durch eine Vielzahl sozialer Kräfte ein gewaltiges Diskriminierungs-kondensat darstellt, so gibt es doch diese grüne Homogenität an Einstellungen und Haltungen, die im gesamten System gegeben sind. Wenn wir die Schichte der Facharbeiter herausnehmen, so wird zwar das Grün dieser Schichte ein wenig anders sein als jenes der reichsten Oberschichten, aber andererseits dürfen wir doch auch bestimmte Homogenitäten voraussetzen. Durch das Farbengleichnis soll auch keineswegs die im System von uns geradezu forciert dargestellte Vielfalt und Differenzierung sozialer Identitäten der Österreicher (Männer und Frauen, Identitäten im Lebenszyklus, in den verschiedenen Schichten) im System plötzlich auf eine Farbe reduziert und weggedacht werden. Diese Unterschiede bleiben sehr wohl weiterhin zu beachten. Dennoch konstruiert sich die Gesellschaft selbst diese Farbigkeit.
Die
Persönlichkeit des Türken haben wir als "äußerst anders" erkannt und wollen sie
uns einmal bildlich vorstellen.

Die Persönlichkeit des Türken ist daher lila. Er lebt bildlich mit einer lila Brille, durch die er die Welt und das grüne Mehrheitssystem sieht, in welches er eingetreten ist. Der österreichische Facharbeiter hingegen sieht alles durch seine grüne Brille des Mehrheitssystems und hat es daher wohl deutlich mit einer anderen Welt zu tun.
Vor welcher Situation steht also der Türke: Er sieht durch eine lila Brille eine Welt, die für die österreichische Mehrheitsgesellschaft grün ist. Bildlich taucht ein lila Mensch in ein grünes Wasser ein. Wie sieht dies grafisch aus?
Der Türke muss daher mit einer
lila Brille grün sehen und leben lernen. Oder er sieht weiter durch seine lila
Brille, ohne sich darum zu kümmern, was grün bedeutet oder was er tun müsste, um
grün sehen und leben zu lernen. Fürs Erste

einmal ist für uns wichtig, dass wir uns darüber klar werden, dass sich der lila Türke der Minorität im Verhältnis zu einem grünen österreichischen Facharbeiter der Mehrheitsgesellschaft in einer wesentlich komplizierteren Lebenssituation befindet, die durch die Figur 4 in vollem Umfang sichtbar wird.
Dem Leser ist
vielleicht die sogenannte "Kopftuchdebatte" bekannt, die es besonders
in Frankreich gab. Muslimische (lila)
Frauen wollten in öffentlichen französischen Institutionen und Funktionen das nach religiösen Vorschriften
gebotene, die Haare verdeckende Kopftuch tragen, was mit den Kultur- und Rechtsvorstellungen und dem Standard der
Frauenrechte in der grünen französischen Mehrheitsgesellschaft kollidierte.
Da andererseits die grüne Verfassung das Grundrecht der freien Religionsausübung
besitzt, entstand ein logisch kaum lösbarer Konflikt. Ein anderes Beispiel ist
der Vater eines türkischen Kindes, der in einer Wiener Schule die Abhängung des
Kreuzes verlangte, da er sich in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlte.
Derartige Fragen werden in der BRD gerade im Konnex des bedenklichen Begriffs
der "Leitkultur" diskutiert.
Fürs Erste genügt es nun, dass wir uns im Weiteren
stets dessen bewusst sind, in welchem Persönlichkeitskonflikt oder auch
Identitätskonflikt sich die lila Minorität befindet.
Vorweg sei bereits festgehalten, dass dieser Ansatz nicht auf die Variante beschränkt ist, wonach MigrantInnen labil in einem Konflikt zwischen grünen und lila Bezugssystemen wehrlos leben müssten.
Die Theorie umfasst alle denkmöglichen Varianten der Identitätsbildung, die mathematisch und damit auch sozial möglich sind. In der gesellschaftlichen Praxis bilden sich für unterschiedliche MigrantInnengruppen nicht alle denkmöglichen Varianten im selben Umfange aus. In Verbindung mit der Universalität des Ansatzes (vgl. die Grundrechtskataloge Cathrin Horners und den Atlas zur Sozialevolution von Peter Waldner) wird neben den grünen und lila Identitätskomponenten auch eine Universale Zentral-Instanz der Identität angenommen, über welche die Identitätsstrategien jeweils gesteuert werden. In der medientheoretisch beeinflussten neuesten Identitätstheorie wird multiple Identität auch als Netzwerk mit Knoten usw. erfasst. Man kann das obige Schema auch als Netz erfassen, aber bestimmte Knoten bleiben für die Analyse ebenso wichtig wie der Umstand einer Zentralinstanz, welche im Netz die Verbindungen und ihre Beziehungen und Gewichtungen verwaltet.
| Verstärkung grün | Universale Ich-Instanz | Abschwächung bis Negierung lila |
| Balance von positiv grün | Universale Ich-Instanz | und positiv lila |
| Reduzierung bis Ablehnung grün | Universale Ich-Instanz | Verstärkung lila |
| Ablehnung grün | Universale Ich-Instanz | Ablehnung lila |
Eine einzige Person oder ethnische Gruppe (community) kann infolge der Veränderung der Zustände im Gesamtsystem seine Identitätsstrategien auch mehrmals ändern.
Da hier behauptet wird, es lägen neue Aspekte
hinsichtlich einer systemtheoretischen, multivariablen Minoritätentheorie und
der Vorurteilsbildung vor, mögen im Folgenden die wichtigsten gegenwärtigen
Theorieansätze (gemäß der Zusammenfassung nach Heckmann) aufgeführt und
integriert werden.
In diesem Kapitel wollen wir ausführlicher auch den
derzeitigen Stand der Forschung zur Frage der ethnischen Schichtung aufführen
und vor allem auch alle jene Forschungsergebnisse erwähnen, die bisher in der
komplizierten Konstellation des Konfliktes zwischen einem lila Minderheits-
und einem grünen Mehrheitssystem für den Betroffenen der Minderheit
erarbeitet wurden:
Heckmann etwa
expliziert seine Thesen über Lösungsvarianten des Konflikts.
"Die Formulierung der
Hypothesen erfolgt in einem ersten Schritt durch die Spezifizierung von
Ausprägungen der objektiven Konstituierungsbedingungen marginaler Positionen; in
einem zweiten Schritt werden jeweilige subjektive Verarbeitungsformen der
Konfliktlösungsanforderungen genannt. Die jeweilige Erscheinungsform der
ethnischen Orientierung wird – soweit möglich – auf Kategorien der 'klassischen'
Marginalitätstheorie bezogen.
Hypothese 1 formuliert die
Entstehung des Orientierungsmusters der Assimilierung.
Hypothese 1 (Assimilierung):
Bei relativer Schwäche oder
Auflösung der Minderheitenkultur, einem Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit
und Minderheit, aber relativer Offenheit des Zugangs zur
Mehrheitsgesellschaft, bikultureller Bestimmung der Positionen und einer
Lösung der Zugehörigkeits-, Selbstwert- und Kulturkonflikte durch Bekenntnis zur
Mehrheitsgesellschaft, kommt es in marginalen Positionen zu Assimilierung.
Assimilierung ist der
vollständige kulturell-, bewußtseins- und verhaltensmäßige Bezug auf die
Mehrheitskultur und bedeutet die 'Aufgabe' der Minderheitenkultur; der
'Assimilierung' entsprechen in der klassischen Marginalitätstheorie
'active/passive general orientation' bei Antonovsky (1956) und 'rebel reaction'
bei Child (1943), der mit Rebellion die Ablehnung der Herkunftskultur
bezeichnet.
Die folgende Hypothese
befasst sich mit einem Muster, das gegenüber der 'Assimilierung' als
'neurotische' Form der Orientierung an der Mehrheitsgesellschaft bezeichnet
werden kann und in der Marginalitätsliteratur überwiegend so diskutiert
wird.
Hypothese 2 (Überanpassung):
Bei Schwäche bzw. Auflösung
der Minderheitenkultur, starkem Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit und
Minderheit, bikultureller Bestimmung der Positionen, und einer 'Bewältigung' der
Zugehörigkeitsunsicherheit durch Abbruch und Leugnung von Beziehungen zur
Herkunftsgruppe, 'Lösung' des Selbstwertkonflikts durch 'Identifikation mit dem
Starken', d.h. der Mehrheitsgesellschaft und 'Lösung' von Kulturkonflikten
durch Verdrängung kultureller Widersprüche und von Sozialisationseinflüssen der
Herkunftskultur, kommt es in marginalen Positionen zur Überanpassung.
Überanpassung ist ein Bezug
auf die Mehrheitskultur und -gesellschaft, der durch die Leugnung und
Verdrängung eines wichtigen Teils der überkommenen Biographie des Subjekts
neurotische Züge trägt. In sozialwissenschaftlicher und belletristischer
Literatur ist diese Orientierung häufig beschrieben und interpretiert worden:
als Eifer der Konvertiten, als Chauvinismus und Superpatriotismus von
Einwanderern der 2. Generation, auch als Selbsthass und 'Passing'-Verhalten
(vgl. z. B. Stonequist 1937, 73, 193 ff.; Lessing 1930).
Hypothese 3 (Herkunftsorientierung):
Bei relativer Stärke der
Minderheitenkultur, Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit
mit relativer Geschlossenheit des Zugangs zur Mehrheitsgesellschaft,
bikultureller Bestimmung der Positionen, einer Bewältigung der
Zugehörigkeitsunsicherheit und des Selbstwertkonflikts durch Bekenntnis zur
Herkunftsgruppe, sowie bei einer Lösung des Kulturkonflikts durch Setzen einer
Priorität für die Herkunftskultur, kommt es in marginalen Positionen zur
Herkunftsorientierung.
Herkunftsorientierung als
orientierender Bezug auf die Minderheitenkultur schließt arbeits- und
kommunikationsfunktionale Anpassung an die Mehrheitskultur, d.h. Akkomodation
nicht aus. Der Herkunftsorientierung entspricht die 'in-group reaction' bei
Child (1943) und mit Bezug auf die jüdische Gruppe die 'aktive/passive Jewish
orientation' bei Antonovsky (1956).
Hypothese 4 (Marginalität):
Bei relativer Schwäche der
Minderheitenkultur, einem Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit,
bikultureller Bestimmung der Positionen, und bei Unfähigkeit des Subjekts,
Zugehörigkeits-, Selbstwert- und Kulturkonflikte einer Lösung zuzuführen,
kommt es in marginalen Positionen zur Marginalität.
Marginalität ist
gekennzeichnet durch die problematischen Attribute des 'marginal man':
Verhaltensunsicherheit, Stimmungslabilität, Entschlußlosigkeit und
Orientierungszweifel, Gefühle der Isolierung und Machtlosigkeit sowie
Minderwertigkeitsgefühle und Zukunftsangst (vgl. Stonequist 1937, 141 ff.). Der
ambivalente Bezug auf Mehrheits- und Minderheitenkultur wird deutlich in
Bezeichnungen der Herkunftsgruppe zugleich als 'wir' und 'sie' (vgl. Antonovsky
1956, 60). Die Literatur versteht Marginalität als eine 'neurotische' Form des
Verhaltens. Marginalität wird dabei als Variable verstanden, deren Ausprägungen
von leichten 'Störungen' bis hin zu schweren psychischen Erkrankungen führen
können.
'Duale Orientierung', deren
Entstehung die folgende Hypothese thematisiert, darf nicht mit Marginalität
verwechselt werden. Als beschreibende Kategorie wurde der Begriff von Antonovsky
(1956) eingeführt; Überlegungen zur Entstehung dieses Musters finden sich dort
allerdings noch nicht.
Hypothese 5 (Duale Orientierung):
Bei relativer Schwäche der
Minderheitenkultur, hierarchischem, aber offenem Verhältnis zwi-schen Mehrheit
und Minderheit, bikultureller Bestimmung der Positionen und Lösung des
Zugehörigkeitskonflikts durch bewusste Anerkennung der Herkunft bei
gleichzeitiger Offenheit gegenüber der Mehrheitskultur, bei 'Ich-Stärke'
gegenüber Kultur- und Selbstwertkonflikten kommt es in marginalen Positionen zur
dualen Orientierung.
Der Begriff der dualen
Orientierung, der von Antonovsky (1956) eingeführt wurde, bedeutet einen
verhaltensmäßigen und 'ideologischen' Bezug auf Minderheiten- wie auf
Mehrheitskultur und schließt die Ablehnung von Assimilierung ein; sie beinhaltet
eine gewissermaßen bikulturelle Persönlichkeitsstruktur und ist ein
nicht-neurotisches, auf der Basis von Ich-Stärke sich herausbildendes
Verhaltensmuster.
Die Orientierung der
'Politisierung', die wir abschließend diskutieren, greift Gedanken und
Beobachtungen auf, die bei der Rekonstruktion der klassischen
Marginalitätstheorie als 'positive Chancen' 'marginaler Situationen' begriffen
wurden. Der Konflikt wird zum Movens von Aktivität und einer Neuorientierung der
Person.
Hypothese 6 (Politisierung):
Bei Existenz einer Minderheitenkultur,
hierarchisch-konfliktären Beziehungen zwischen Mehrheit und Minderheit sowie
relativer Geschlossenheit des Zugangs zur Mehrheitsgesellschaft,
bikultureller Bestimmung der Positionen und bei Lösung des Zugehörigkeits-,
Selbstwert- und Kulturkonflikts durch Bekenntnis zur Minderheitengruppe und
dem Versuch, die Position der Minderheit aktiv zu verbessern, kommt es in
marginalen Positionen zur Politisierung.
Politisierung ist gekennzeichnet
durch aktives Eintreten für die Rechte und Interessen der unterdrückten
Minderheit. Stonequist, der dieses Muster als 'nationalist role' diskutiert
(vgl. Stonequist 1937, 160), glaubt, daß die bewusste Identifizierung mit der
Minderheit Reaktion auf eine gesuchte, aber zurückgewiesene Identifikation
mit der Mehrheit sei."
a) Existenz
einer ethnischen Minderheitenkultur (in unserem Modell ein lila
Minderheiten-Bezugssystem). Diese wird aber nicht ausreichend als lila
(Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Minderheiten-Bezugssystem in einem grünen
(Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Mehrheitssystems differenziert, was aber
unerlässlich erscheint, wenn man die Theorie ausreichend allgemein und
gleich-zeitig praxisbezogen ausgestalten will.
b) Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheits- und Minderheitskultur. Hier erweisen sich unsere Ansätze als empirisch brauchbarer. Es erscheint unerlässlich, das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit – für jede einzelne Minderheit oder Ethnie – im Rahmen des grünen
Gesamt-(Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Mehrheitssystems zu untersuchen. Dabei stößt man dann auf die Vielzahl gesellschaftlicher Diskriminierungsfelder, Machtgefüge im Kampf um geistige und materielle Ressourcen.
Essentiell ist in diesem
Zusammenhang der Umstand, dass die lila Minorität nicht einfach irgendwelche
grünen (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Werte der Mehrheitsgesellschaft usw.
übernehmen kann, sondern nur solche, die ihr für ihre "Schichtfunktion"
von der Mehrheit zugebilligt werden (Rollenzuweisungen). Im Weiteren sind
die Inhalte der wichtigen grünen Negativformulierungen der Minoritäten (im
Rahmen der diskriminierenden Vorurteile und Unterdrückung) konkret zu beachten.
Die Kräfte der Inhalte der Vorurteile bilden wichtige Elemente der
Identitätsbildung der Minorität.
Es ist daher in unserem Modell die Einbettung der lila Minorität in das grüne (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Mehrheitssystem durchzuführen, und vor allem kann dann der grün-lila-(Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Konflikt in allen formalen und inhaltlichen Varianten empirisch ausreichend erfasst werden. Soweit ersichtlich, fehlt bisher eine derart elaborierte Theorie des "marginal man". Identität ist immer (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Systemidentität, bei einer Minorität eben eine grün-lila Identität.
c) Bikulturelle Bestimmung durch Mehrheits- und Minderheitskultur. Gerade dieser Umstand kann in unserem Modell wesentlich präziser und empirisch befriedigender als in den bisherigen Theorien dargestellt werden.
Wichtig ist auch, dass eine Identitätstheorie für eine lila-grüne Persönlichkeit zufriedenstellend überhaupt nur im Rahmen einer Verdoppelung üblicher Sozialisationstheorien – etwa der Rollentheorien – erstellt werden kann. Doppel-orientierung in formaler und vor allem inhaltlicher Sicht in Bezug auf zwei (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Bezugssysteme mit einer Vielzahl oszillierender, ambivalenter Lösungsmodelle durch den Betroffenen selbst sind die Folge.
Die Hypothesen 1 bis 6 bei Heckmann werden in das Modell (vgl. vor allem die Figur 4) einfügbar:
Versuch vom Lila der Minderheit zum Grün der Mehrheit zu wechseln, das Lila aufzugeben. Dass dies bei einer Sozialisation im lila Bezugssystem oder einem lila-grünen Bezugssystem nur schwer restlos möglich ist, erscheint klar. Die grüne Mehrheitsgesellschaft in den europäischen Aufnahmestaaten übt relevanten Druck in dieser Richtung aus. Schlagwärter wie "Leitkultur" und "Man muss sich als Ausländer anpassen" sind typisch.
Identifikation mit dem "starken Grün" der Mehrheit und Eifer des Konvertiten. Eine Verstärkung der Assimilation unter Verdrängung vorhandener lila Sozialisationsreste.
Verstärkter Bezug auf das Lila der Minderheit mit allfälliger Akkomodation an Grün in Teilbereichen.
Aktuelle Beispiele:
a) Seit dem Attentat vom 11.9.2001 sind die islamistischen Gruppierungen in den Staaten der EU, die in dezidierter Ablehnung zu den grünen Systemwerten stehen, und teilweise als Staat im Staate agierten, verstärkt unter Beachtung.
b) Der Spiegel 45/2001: "Während die sogenannten Gastarbeiter der sechziger Jahre und deren Kinder noch um eine Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft bemüht waren, registrieren die Sozialwissenschaftler bei den Kindeskindern der ersten Einwanderer nun einen zunehmenden "Rückzug in die eigene Ethnie". Noch vor zehn Jahren haben ausländische Kinder die deutsche Sprache durchweg besser beherrscht als ihre Eltern, heute ist es häufig umgekehrt." Als Grund wird eine "verstärkte Ausbildung ethnischer Strukturen" angegeben. Schlechtere Deutschkenntnisse bei der Einschulung führt zur Erhöhung der Zahl der "Bildungsverlierer". Bis zum Jahre 2010 wird sich nach einer Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung die Zahl der jungen Ausländer ohne Schulabschluss auf 660.000 erhöhen.
Eine ausgezeichnete Analyse dieser "Selbstethisierung" liefert etwa Kien Nghi Ha: "Ethnizität, Differenz und Hybridität in der Migration. Eine postkoloniale Perspektive".
Labile Identitätslagen zwischen
lila (Minderheit) und grün (Mehrheit). Dies wurde in unserer Studie 1975
bezüglich der Gastarbeiter in der BRD und Österreich als überwiegende Identitätsform
festgehalten.
Zitat: " Ein berühmtes Bild war das der "zwischen zwei Stühlen Sitzenden". Die MigrantInnen wurden so nicht als handelnde oder denkende Subjekte, sondern als zur Passivität verurteilte, leidende Individuen abgestempelt. Als die "Armen" denen die Eingeborenen in zweifacher Weise helfen wollten: Entweder als HelferInnen, die ihnen paternalistisch den Weg in die "Integration" zeigen, oder als RückschieberInnen, die angeblich vor allem die Entwurzelung der MigrantInnen stört und darum "Zurück mit Ihnen in die Idylle ihrer malerischen Heimatdörfer". Die Bunte Zeitung 2/2001.
Auch Migrationstheoretiker, die nicht in eine der beiden obigen Gruppen fallen, hätten zu beachten, dass es infolge etwa der hier geschilderten Ausgrenzungsprozesse der Mehrheit zur Verfestigung der meisten MigrantInnen in neuen Unterschichten unter den untersten bisherigen Schichten kommt, und dass es bei derartigen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Distanzierungen und Unterdrückungen sehr wohl zu bedenklichen und labilen Individual- und Gruppenprofilen an Identität kommen kann. Diese Fakten nicht zu beachten, wäre sicherlich auch für aus dem Kreise der MigrantInnen selbst kommenden SprecherInnen bedenklich. Die MigrantInnen in diesen Unter-Unterschichten bleiben sehr wohl handelnde und denkende Subjekte, aber ihre Artikulationsspielräume sind sicherlich äußerst beengt.
Balancierte lila-grüne Persönlichkeitsstruktur mit ausgeprägter Ich-Stärke. Diese Variante einer Gruppen- und Individualstrategie geht davon aus, dass eine Person, oder eine MigrantInnengruppe in der Lage ist, sich in einer bestimmten Schichte der Gesellschaft die grünen Systemkriterien positiv anzueignen. Gleichzeitig identifiziert sie sich jedoch ausdrücklich und nachhaltig auch mit Lebens- und Wertbezügen ihrer Ethnie aus der Heimat. Sie schafft eine "konfliktfreie" Balance zwischen grünen und z.B. lila Werten, die sie gleichzeitig realisiert und in einer dualen Variante in FIGUR 4 integriert. Diese Persönlichkeit fordert aber auch, sich die jeweiligen Balancen und Gewichtungen zwischen grün und lila (oder rot usw.) selbst ändern zu können also auch nicht gezwungen zu sein, in einer Gruppe (community) mit einer fixen Balancenverteilung zwischen den beiden Bezugssystemen für immer verbleiben zu müssen. Der Begriff der "Bindestrich-Identität" stammt übrigens aus der Tradition der internen jüdischen Identitätsdebatte, auf die hier öfter hingewiesen wird.
Konkrete Beispiele:
a) "Es geht um meine kulturelle Identität." sagt Imane Habboub, eine Studentin der Sozialwissenschaften in Evry. "Diese ist gemacht aus den Zutaten Frankreich, Maghreb, Islam, Großstadt, Vorstadt, eine Mischung." "Ich bin nicht Französin, nicht Muslimin, nicht Marokkanerin, ich bin alles drei und noch mehr." "Jetzt zeigen sie mit dem Finger auf uns, jeder zeigt mit dem Finger auf mich und alles landet in einem Topf: Islamisten, Integristen, Schiiten, Sunniten, Paschtunen, Afghanen, Araber, egal, alles eins." Spiegel, 44/2001.
b) "Dieses Konzept einer Immigrationsgesellschaft bricht bewusst mit der hierzulande beliebten These der einen Identität des Staatsvolkes und ermöglicht und anerkennt Mehrfachidentitäten der Mitglieder der Gesellschaft. Die aus den achtziger Jahren stammende und sich in Österreich leider noch immer hartnäckig haltende Floskel des 'Zwischen-den-Stühlen-Sitzens' von eingewanderten Menschen und ihren Nachkommen ist hingegen der Vorstellung des 'Entweder-Oder' verpflichtet. Zusätzlich erleben wir derzeit einen konservativen Backslash, mit dem die relativ junge Debatte zu Gleichberechtigung in und Multikulturalität dieser Gesellschaft mit der Forderung nach einer 'Leitkultur' im Keim erstickt werden soll."..."Daher kann auch das alte Konzept des 'Zwischen-den-Stühlen-Sitzens' den Lebenszusammenhängen und Strategien von Eingewanderten nicht gerecht werden. Es definiert nämlich ihre Leistung und Lebensqualität, in mehreren Welten und in der Ambivalenz 'zu Hause zu sein' statt in einer - vermeintlichen - Eindeutigkeit in einer Mehrheitskultur, zum Manko um und hat jahrelang die Vorstellung einer nationalen Monokultur verfestigt."..." Gerade angesichts der politischen Brisanz der Selbstdefinition eines Staates bzw. einer republikanischen Gesellschaft geht es bei der Frage der kulturellen oder Bindestrich-Identitäten um die Definitionsmacht. Sind Minderheitenangehörige selber in der Lage, ihre mehrfachen Zugehörigkeiten und deren Bedeutung für ihre Gesellschaft zu definieren, oder erfolgt von der Dominanzgesellschaft eine Zuschreibung 'ihrer' Identität?"..."Wenn Diversität als Regel und nicht als Ausnahme anerkannt wird, geht es um Akzeptanz und Respekt für mehrfache, soziale, religiöse, sprachliche, sexuelle u.a. Verortungen, die gleichzeitig bestehen und das komplexe Gebilde der 'Identität' ausmachen. In einer Gesellschaft, in der Kultur und communities offen erlebt werden, muss es aber auch möglich sein, eine community wieder zu verlassen."... "Nachdem Repräsentation und Identifikation immer mit Interpretation zu tun haben, können Identitäten nicht einem starren, unwandelbaren Mythos verpflichtet werden."... "Was heißt das für uns Angehörige von sprachlichen und/oder 'ethnischen' communities? Dass der Versuch der Mehrheitsgesellschaft uns auf die eine oder andere Seite zu 'verbuchen' scheitern muss."... "Wenn wir davon ausgehen, dass Identifikation auf Anerkennung einer gemeinsamen Herkunft oder Zukunft, auf dem Bewusstsein von miteinander geteilten Interessen und Merkmalen beruht, dann haben wir solche Bindungen nicht nur zu einer Kultur, Herkunft, Religion, Tradition, Sprache sondern eben zu mehreren, in denen wir situiert sind. Das heißt aber gleichzeitig, dass das, was uns ausmacht, nicht mit dem klassischen 'Österreicher-Sein' und/plus 'TürkIn-Sein' ( 'BosnierIn-Sein', 'KurdIn-Sein' usw.) beschrieben werden kann. Nicht nur wir haben eine Wandlung durchgemacht, wir haben dabei auch die gängigen Konzepte von Nationalkultur gemeinsam transformiert, und zwar sowohl für unsere Herkunftsgesellschaften als auch für unsere 'neuen Heimaten' ".."Zwischen den Stühlen sitzen wir nicht, höchstens auf mehreren gleichzeitig. Und es gibt auch keinen plausiblen Grund, sich mit irgendwelchen Nischen zu begnügen. Warum die Frage der kulturellen Identität in Form eines Kampfes um kulturelle Hegemonie geführt wird, hat eben auch den Grund, dass manche nur die Luft zwischen den Stühlen bekommen und nicht auf der Couch Platz nehmen dürfen (sollen). Die gehört aber uns allen in einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft. Und wir erheben Anspruch auf die Couch". Alev Korun in "Stimme von und für Minderheiten", II/2001.
Soll daher die Frage möglicher Definitionen der ambivalenten Bindestrich-Identitäten von MigrantInnen- communities aus dem Macht- und Dominanzbereich der Mehrheitsgesellschaft herausgelöst und in einem demokratisch-liberalen Sinne der "ethnischen" MigrantInnen-community übertragen werden, dann müssen zuerst die Dominanzstrukturen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der Minderheit konkret erfasst werden. Die geschieht für die hier in Rede stehenden communities in unserem Gesellschaftsmodell in einer deutlichen und ausreichend differenzierten Weise. Soll die Frage möglicher Definitionen der ambivalenten Bindestrich-Identitäten von MigrantInnen - communities nicht einem starren Mythos verpflichtet bleiben, dann muss die Identitätsdebatte aus ideologisch-mythischen Bereichen so weit generalisiert und universalisiert werden, dass alle irgendmöglichen Identitätskonzepte und Strategien in dieser Theorie ihren Platz finden können. Dies erscheint in unserem Konzept (FIGUR 4 in Verbindung mit dem Gesellschaftmodell) in Verbindung mit den Grundrechtskatalogen geleistet. Inwieweit bestimmte ethnische communities oder Teile ihrer Mitglieder die Möglichkeit haben, derart balancierte Identitäten auszubilden hängt jedenfalls sehr von ihrer Positionierung im Schichtsystem der Gesamtgesellschaft ab. Für Personen oder Gruppen, die aus dem Unterschicht-Unterschichtstatus durch Bildung und Positionierung im Arbeitsprozess aufgestiegen sind, wird dies leichter sein, als für jene, die ohne Perspektive sozialen Aufstieges am untersten Platz der Schichtung fixiert bleiben. Dies ist derzeit aber in der BRD und in Österreich ein hoher Anteil der MIgrantInnengruppen.
c) Ein weiteres wichtiges Modell für eine bi-kulturelle Identitätsstrategie bietet Rainer Bauböck(1998). Im Rahmen liberaler politischer Staatskonzepte sollte für die MigrantInnen-Gruppen eine Art Minimal-Akkulturation (required acculturation) als ausreichend anerkannt werden. Sie sollte als ausreichende Bedingung der Assimilation gelten. Weitere Assimilationsschritte sollten den MigratInnen-Gruppen in einem voluntaristischen Rahmen und mit breiten Wahlmöglichkeiten der Grade einer solchen Assimilation eingeräumt werden, ohne dass die Mehrheitsgesellschaft einen solchen Multikulturalismus von oben her strukturiert und verfügt. Im Rahmen einer additiven Akkulturation und Assimialtion sollten multiple kulturelle Mitgliedschaften anerkannt und akzeptiert werden, wobei eine gleichzeitige Beziehung der Person oder Gruppe zu mehreren kulturellen Systemen erfolgt und auch rechtlich und politisch anerkannt wird. Bauböck beachtet auch, dass die Dominanz des Systems der Mehrheitsgesellschaft eine Reihe von Asymmetrien für die MigratInnen-Gruppen reproduziert. Die Pallette der Wahlmöglichkeiten müsste daher in liberalen Systemen erhöht werden, indem die Grenzen der nationalen Kultur für Migranten durchlässiger gemacht werden. Diese Erhöhung des Spektrums an Wahlmöglichkeiten müssten vor allem als Voraussetzung dafür anerkannt werden, dass die Migrantinnen-Gruppen innerhalb rigider politischer und kultureller Abhängigkeiten erhöhte Autonomie gewinnen. Dies müsste zur Anerkennung des Umstandes führen, dass diese neuen Gruppierungen im Rahmen der Pluralisierung des Systems neue kulturelle communities darstellen, die im manchen Fällen distinkte und relativ stabile ethnische Minoritäten bilden.
Wird die Identitätsdebatte in der geschilderten demokratisch-liberalen Weise in Richtung auf zunehmende Selbstbestimmungsstrukturen der "ethnischen" communities hin erweitert, ist eine interne Diversifizierung im Selbstdefinitionsrecht der "ethnischen" community unbedingt anzuerkennen und zuzulassen, was aber heißt, dass es zur Ausbildung politischer Differenzierung in der Frage der internen Identitätsdefinitionen der Gruppe kommen muss. Erfahrunsgemäss bilden sich auch hier mehrere rivalisierende Gruppierungen innerhalb der community mit unterschiedlichen Gewichtungen innerhalb der Bindestrich-Identitäten.
Verstärkung des lila Minderheitenkerns oder revolutionäre, utopistische oder messianische Ablehnung von lila und grünen Bezugssystemen. Thematisierung des Diskriminierungsdruckes und Politisierung in Richtung auf Änderung der Minoritätensituation.
" Ich bin gegen Nationalitäten. Ich bin kein Deutscher, ich bin kein Türke, ich bin ein Mensch." Dies erklärt der 20-jährige Oktay Özdemir, Schauspieler im Film "Knallhart". Standard 28.3.2006
Hinsichtlich der Verstärkung des lila Minderheitenkernes scheinen auch die Untersuchungen in der BRD nun zu bestätigen, dass derartige "Endergebnisse" nach drei Generationen in der "Integration" zu bestehen scheinen. In einem Beitrag im Spiegel 10/2002 wird aufgedeckt, dass "mitten in Deutschland Millionen von Immigranten in blickdichten Parallelwelten nach eigenen Regeln von Recht und Ordnung leben. Vor allem fallen auch die Kinder der dritten Generation im Gegensatz zu denen der zweiten weiter im Bildungsniveau, in der Sprachkompetenz und in den Aufstiegschancen zurück. Zunehmend bilden sich ethnisch verstärkte Subkulturen mit geringem Verbindungsgrad zu Rest der Gesellschaft aus.
Uns erscheint wichtig, besonders zu beachten, dass
eine einzige Person im Laufe ihres Lebens mehrere dieser Identitätsstrategien
gleichzeitig und hintereinander
Für alle
Integrationsbemühungen von Minoritäten ist eine der wichtigsten Überlegungen
dieser Arbeit zweifelsohne das Erfordernis der Ausarbeitung bestimmter
faktischer Tatsachen, die erst in diesem Modell in der vollen Bedeutung sichtbar
werden.
Die Varianten ereignen sich in folgender Struktur:
1
Þ
Der eine wird versuchen, durch eine
Überidentifikation mit den grünen Werten und Faktoren der Mehrheitsgesellschaft
seine lila Minderheits-Identitätselemente zu verleugnen (z. B. Assimilation
der Juden);
2
Þ der andere wird
sich radikal auf seine lila Minderheitselemente zurückziehen, diese extrem
betonen;
3
Þ
der Dritte wird sich nach außen den
grünen Werten der Mehrheitsgesellschaft anpassen, die lila Minderheitselemente
innerlich, ohne jedoch aufzufallen, bewahren und erhalten, u. U. sogar heimlich
verstärken;
4 Þ der Vierte wird bei großer Ich-Stärke eine individuell oder über eine Gruppe formulierte Balance zwischen lila und grün verwirklichen;
5
Þ
der Fünfte wird die lila
Minderheits- und die grünen Mehrheitselemente ablehnen und in utopischen,
radikalen oder gemäßigt-progressiven oder in der Vergangenheit zu findenden
reaktionären Wertsystemen eine Überwindung des Konfliktes versuchen ("Links"-
und "Rechts"-Utopien), aber auch Zionismus als "Weg ins Freie", Messianismus
oder Apokalyptik sowie universalistische Konzepte.
Die Dimension des Raumes ist unerlässlicher Aspekt bei der Erkenntnis sozialer Phänomene. Im Atlas wird z. B. der markante Gegensatz zwischen den Bundesländern und dem "roten" Wien in ideologischer Hinsicht deutlich. Die geographische Verteilung der Bevölkerung auf dem Staatsgebiet bedingt weitere typische soziale Differenzierungen und Eigentümlichkeiten. Alle bisherigen Elemente (Ebenen, Schichten usw.) sind mit diesem Faktor und seinen Wirkungen durchzudenken.
Auch für die Rassismusforschung sind diese Aspekte von Bedeutung (Ghettobildung der Juden, Segregation der Migranten, Siedlungsformen der verfolgten Protestanten, Probleme der völkischen und religiösen Regionalzersplitterung auf dem Balkan mit Problemen der Enklaven, Reservate der Indianer in den USA usw.).
Unser Atlas macht deutlich, dass es eine entscheidende Verteilung der Ideologien nach Stadt und Land, einen Gegensatz zwischen dem "roten Wien" (Austro-marxismus) und den Bundesländern (Rechtsideologien) gab.
In den aktuellen Sozialtheorien hat besonders Giddens auf die Dimension des Raumes Wert gelegt.
Die bisherigen Ansätze sind in den soziologischen Richtungen des Funktionalismus besonders betont. Die folgende Dimension bringt die konflikttheoretischen (meist auch dialektisch orientierten) Schulen in das Modell ein. Während das bisherige Raummodell eher ein ruhiges Fließen von Funktionen suggeriert, betrachtet diese Dimension die Vielzahl und Arten der Gegensätze und Konflikte in der Gesellschaft.
Innerpsychische Gegensätze werden nach den verschiedenen Schulen der Psychologie unterschiedlich begrifflich gefasst.
Die wichtigsten Richtungen der zeitgenössischen Psychologie sind:
Behaviorismus und Positivismus ( auch Rassenpsychologien und -physiologien),
Psychoanalyse mit Nachfolgern Freuds,
Humanistische Psychologie,
Transpersonale Psychologie,
Grund- oder Ur-Psychologie (Or-Om-Psychologie).
Es handelt sich hier um eine grobe Vereinfachung. Es wäre aber völlig ausgeschlossen, hier alle Schulen und Aspekte aller Schulen der Psychologie auch nur in Übersicht anzugeben. Psychologien haben jeweils ihre eigenen Erkenntnistheorien und deren Grenzen. Wie in den Erkenntnistheorien, die im letzten Teil behandelt werden, gehen wir von einer Stufenfolge der Arten der Psychologieschulen aus. Der Behaviorismus geht von den engsten Erkenntnisgrenzen aus und ist daher für die menschliche Psyche auch selbst das engste Gefängnis. Transpersonale Psychologien gehen davon aus, dass der Mensch auch mit dem absoluten Grundwesen in Verbindung steht, und die Ur-Psychologie geht von einer bisher nicht erkannten psychischen Kategorialität aus, die an der unendlichen und absoluten Grundessenz abgeleitet wird.
Wird die menschliche Identität an den Universal-Kategorien der Essentialität des Grundwesens abgeleitet, wie dies im letzten Teil dargestellt wird, dann ergeben sich für die Psychologie völlig neue Grundlagen, die aber in der weiteren Entwicklung der Menschheit zu entfalten sind, wenn sie eine Gesellschaftlichkeit erreichen will, in der alle möglichen Gegensätze harmonisch synthetisiert werden können.
Mit Nachdruck sei festgestellt, dass eine grundlegende Änderung und Besserung in den Problemen sozialer, religiöser und "rassischer" Diskriminierung über bestimmte sich ständig wiederholende Niveaus hinaus nur möglich ist, wenn die Identitätstheorie eine Vertiefung in Richtung auf die unendlichen und absoluten Grundstrukturen hin erfährt, wobei aber selbst die religiöse Dimension über derzeitige Konfliktniveaus hinausgeführt werden muss.
Diese Grundpsychologie ist dann auch die Basis einer erweiterten Identitätstheorie. Einerseits wird die Identität einer jeden Person in einer Gesellschaft in allen Beziehungen durch diese vertieften Grundlagen neu definiert, andererseits liegen darin auch die Grundlagen zur Lösung der Konflikte der komplizierten Identitätsstrategien der Minoritäten im Spannungsfeld der grünen Werte der Mehrheit und den lila Determinanten der Minderheit.
Diese Identitätsgrundlagen sind bei allen Mitgliedern einer Gesellschaft die adäquatesten Parameter einer umfassenden Toleranz.
Wir erwähnten bereits, dass die soziologische Theorienbildung sowohl Makro- als auch Mikrotheorien entwickelte, wobei schließlich in integrativen Ansätzen versucht wurde, die beiden Gruppen zusammenzuführen. Mikrotheorien gingen hierbei vom Individuum aus, versuchten vor allem gesamtgesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen aus der individuellen Ebene heraus zu erklären.
· Treibel 2000 führt als Gruppen von
Mikrotheorien etwa an:
das individuelle Programm – Verhaltens- und Nutzentheorien (Homans, Opp, Coleman);
das interpretative Programm – Symbolischer Interaktionismus und
Phänomenologie (Mead, Blumer, Husserl, Schütz, Berger/Luckmann);
Geschlecht als soziale Konstruktion, die wir bereits oben erwähnten.
· Als Ansätze der Überwindung des
Makro-Mikro-Dualismus erwähnt sie:
Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas);
die Gesellschaft der Individuen (Elias);
Kultur, Ökonomie, Politik und der Habitus des Menschen (Bourdieu);
Dualität von Handlung und Struktur (Beck, Giddens);
Konstituierung des Geschlechterverhältnisses (Bilden, Hannoveraner
Ansatz, Thürmer-Rohr, Hochschild).
Es wäre
völlig ausgeschlossen, die Summe aller Ansätze und ihre Verflechtungen hier
inhaltlich zu berücksichtigen, wenn auch kein Zweifel daran besteht, dass alle
diese Theorien in unser Modell integriert werden können. Sie sind ja selbst
Teile des Systems und beeinflussen ständig die Entwicklung desselben.
In einer vereinfachten Form versuchen wir fortzufahren:
Mit dem Hineinleben in die Gesellschaft ab der Geburt werden soziale Identitäten gebildet, wobei die bereits bisher erwähnten Faktoren 1 – 4 (für jeden unter-schiedlich) mitwirken.
Hier sind alle geltenden Theorien der Sozialisation zu berücksichtigen (z. B. die Habermas'sche Rollentheorie, die wir später behandeln werden).
Auswahl-, Bewertungs- und Ordnungsstrategien und -muster
seines Verhaltens gegenüber den anderen Mitgliedern des Systems, auch seine "ökonomische Identität" (in Beruf und Freizeit, als Konsument und Produzent usw.), aber auch seine religiöse, kulturelle und national geprägte Identität.
Vergegenwärtigen wir uns dies wiederum an einem Facharbeiter in der obigen Figur 2. Aus den ihn in seiner Familie usw. umgebenden Zuständen der Schichte in wirtschaftlicher, politischer, kultureller und sprachlicher Hinsicht entwickelt er seine Identität, sehr wohl aber im Gesamtgefüge der anderen Schichten, die über und unter ihm sind. Vor allem die Summe dieser Über- und Unterordnungen sind für seine Identität sehr wichtig, sie lassen ihn erkennen, dass er in vieler Hinsicht diskriminiert, unterbewertet und missachtet ist.
Auch hier gelten mit besonderem Nachdruck die obigen Überlegungen zur Identi-tätsbildung von Minoritäten.
Grundsatz:
Die Identitätsstrategien der Minorität spielen sich nicht im luftleeren Raum ab und auch nicht in einem Spektrum von Wahlmöglichkeiten an Wertbereichen, aus denen die Minorität zwischen lila (Minderheit) und grün (Mehrheit) wählen könnte. Es ist also nicht so, dass die Minorität bei ihrer Integration in ein grünes Mehrheitssystem gleichsam von sich aus entscheiden könnte, in welchem Ausmaß und mit welchen Inhalten sie sich grüne (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Werte der Mehrheitsgesellschaft aneignen will und wie weit sie bei Lila verharren oder sich auf jenes zurückziehen will. Die Bemühung um einen Übergang zu grünen (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Werten der Mehrheitsgesellschaft erfolgt nämlich in der Regel unter zum Teil starken Ablehnungs-, Ausschließungs- und Bedrohungskräften der Majorität bzw. den negativen Rollenvorgaben, welche diese der Minorität als die einzigen "grünen" sozialen Funktionsrollen aufzwingt.
Die Kinder der Minoritäten übernehmen die komplexen Identitäts-, Wertungs-, Auswahl- und Ordnungsstrategien und -muster ihrer Eltern als Konflikt zwischen lila Werten der Minderheit und grünen Werten der Mehrheit.
Sie leben im Verhältnis zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft in einem wesentlich komplizierteren und wohl auch labileren Identitätsmilieu ihrer Eltern. Es besteht kein Zweifel daran, dass derartige Identitätsmilieus durch die dialektische Spannung zwischen den lila Determinanten der Minderheiten und den grünen der Mehrheit bestimmt sind.
Innerhalb des Spannungsfeldes können Personen selbst u. U. heftigen Bewegungen und Oszillationen zwischen den oben erwähnten Identitätsstrategien 1 – 5 ausgesetzt sein, wodurch natürlich bestimmte psychische und intellektuelle Persönlichkeitstypen entwickelt werden, die sich deutlich von jenen der anderen Personen in der Gesellschaft unterscheiden, die aber wiederum eine Art Potenzierung der Distanz fördern, welche wiederum Ausgrenzung fördert.
Kinder von Minoritäten leben daher im Sinne der Figur 4 in einer noch komplizierteren Lage: Es ist die Spannung zwischen den erwähnten Elementen der Minderheit und Mehrheit, in die sie hineinwachsen.
Die Identität des Kindes wird primär dadurch bestimmt, welchen der Lösungswege 1 – 5 in der obigen Systematik die Eltern beschreiten. Da auch bei den Eltern während der Entwicklung des Kindes Schwankungen zwischen 1 – 5 eintreten können, wird die Identitätsbildung des Kindes weiter labilisiert. Andererseits haben bekanntlich viele Eltern, die selbst das Grauen des Holocaust nicht bewältigt haben, versucht, den Kindern dieses zu verschweigen, wodurch jene nach Kenntnis desselben in schwere Labilisierungen ihrer Identität gebracht wurden.
Auch für die Entwicklung des Antisemitismus und die Entwicklung der Identität der jüdischen Minoritäten gilt die dialektische Wechselwirkung zwischen:
Wichtig ist bei jeder
Minoritätenanalyse überdies, dass innerhalb einer einzigen Minorität in der
Regel alle 5 Identitätsstrategien
gleichzeitig realisiert werden und dass daher in den ohnedies bereits labilen
persönlichen und sozialen Identitätsmilieus der Minorität eine interne
Spannung zwischen den 5 Gruppierungen vorhanden sein kann.
Gerade für die Analyse jüdischer Minoritäten ist die Beachtung dieser internen Spannungssituation der 5 Gruppierungen unerlässlich. Im Laufe historischer Prozesse ergeben sich auch hier Schwankungen, u. U. bei einer einzigen Persönlichkeit oder im Verhältnis der Gruppen untereinander.
Pauley weist sehr gründlich nach, dass in der Ersten Republik in Österreich die Juden unter dem Druck des Antisemitismus ein geteiltes Haus bewohnten. "Eine Wiener Zeitschrift ging sogar so weit, die Juden als die 'in sich uneinigste Gemeinschaft der Erde' zu bezeichnen." Unser Modell wird durch die Systematik Pauleys bestätigt. Er nennt folgende Gruppen, die selbst wiederum in sich nicht einheitlich waren:
Sie vertraten liberal assimilatorische Ideen der Aufklärung und waren optimistisch, dass letztlich die Vernunft den Antisemitismus besiegen würde. Sie suchten Verbindung zu anderen liberalen Parteien. Sie fühlten sich zuerst als Österreicher und dann erst als Juden.
Sie forderten die Anerkennung der Juden als eigene Nation, die Etablierung einer eigenen jüdischen Kultur mit eigenen Einrichtungen wie Schulen, Sportvereinen usw. Sie vertraten die "Dissimilation" und die Anerkennung der Juden als "nationaler Minderheit". Sie bestanden in Österreich zumindest aus vier bis fünf Gruppen, unter denen sich abgestufte marxistische Flügel befanden.
Sie lehnten die Richtungen 1 und 2 ab. Da sie messianisch orientiert waren, forderten sie weder eine Assimilation noch die politische Etablierung einer jüdischen Nation.
In unserem Modell in Figur 4 sind die drei Gruppen leicht einzugliedern. Die erste Gruppe wollte sich überwiegend den grünen Werten der Mehrheit anpassen. Die zweite Gruppe wollte sich auf die lila Werte des traditionellen Judentums mit einem eigenen, geschichtlich durch die neuen Nationalismusbewegungen in Europa beeinflussten lila Nationalismus konzentrieren. Die dritte Gruppe lehnte jede Evolution des Judentums über die orthodoxen lila Formationen hinaus ab und wollte in diesen traditionellen Wert- und Bezugssystemen leben und anerkannt werden.
Unser Raummodell macht sichtbar, dass soziale Gegensätzlichkeiten
a) auf den einzelnen Ebenen der Gesellschaft und zwischen den Ebenen 1 – 4,
b) in der einzelnen Schichte und zwischen den Schichten,
c) zwischen den Menschen,
d) in der geographischen Dimension
Die Auffassung ist jedoch um alle in der Gesellschaft bestehenden Konflikt-theorien (z. B. Marxismus, Sozialismus, funktionalistische Konflikttheorie, Krisentendenzen des Spätkapitalismus usw.) zu erweitern.
Die Einführung des Konfliktbegriffes eröffnet auf allen von uns eher funktionalistisch erschlossenen Ebenen, Schichten und demographischen Dimensionen die vorhandenen Prozesse und Motive.
Wir ermöglichen dadurch, ungenau gesagt, zu erkennen, dass Gesellschaft stets Struktur und Wandel gleichzeitig ist, wie überhaupt das gleichzeitige Denken der Gesellschaft als Struktur (relativ stabilisierte Spannung) und Prozess (Änderung der Spannungsrelationen) notwendig ist, um nicht allzu einfach zu verfahren.
Wir vervollständigen unser Modell, indem wir im Schichtaufbau auf die Distanz der verschiedenen Ebenen (Sprache, Kultur, Wirtschaft, Politik) hinweisen, welche die Spannungs- und Konfliktpotentiale aus innerpsychischen und sozialen Konflikten andeuten. Die Menschen der jeweiligen Schicht werden im Zentrum eingezeichnet.
Gerade diese Überlegungen über soziale Konflikte haben wir genauer ausgeführt, weil sie zentrale Überlegungen jeder Minoritätentheorie liefern. Ihre Spiegelung auf der Mikroebene wurde oben bei der Verbindung zwischen Psychologie und sozialer Identität angedeutet.
Ohne eine bestimmte Theorie der Zeit zu benutzen (alle diese Theorien sind im Modell bereits angesetzt), wird deutlich, dass hinsichtlich aller 5 bisherigen Faktoren, einzeln und aller in allen Wechselwirkungen, die Zeit (als geschichtliche Dimension) einen weiteren Faktor bildet. In den modernen Sozialtheorien beachten vor allem Elias und Giddens den Zeitfaktor explizit.
Der Leser kann einen Zeitvergleich anstellen, indem er das Österreich der Ersten Republik mit den heutigen Zuständen verbindet.
Unter diesen, durch die berufliche Tätigkeit
definierten Schichten leben jene Menschen, die durch Arbeitslosigkeit aus diesem
Zugehörigkeitsrahmen fallen und in ihrer Desozialisierung einem schweren
gesellschaftlichen Entwertungsprozess unterliegen, der besonderes Augenmerk etwa
der Armutskonferenz erhält.
Zwischen den
untersten heimischen Fach- und Hilfsarbeiterschichten und den neuen roten oder
blauen Ausländern bildeten sich grundsätzlich Spannungstendenzen, die über jene
zwischen heimischen Schichten weit hinausgehen. Zum einen geben
die untersten heimischen Schichten Abgrenzungsdruck, dem sie selbst im
österreichischen Schichtsystem als die "Untersten" ausgesetzt sind, an die neuen
Schichten weiter, zum anderen besteht ein realer Ressourcenkonflikt zwischen
diesen Schichten hinsichtlich des Zuganges zu Arbeit, Wohnung, Schule, Freizeit,
ärztlicher Versorgung und sonstigen gesellschaftlichen Möglichkeiten, der
insbesondere bei Labilisierung der Stellung der heimischen Fach- und
Hilfsarbeiterschichten [1]
(z.B. Konjunkturrückgang oder Globalisierung) an Brisanz
zunimmt. Eine "Integration" der ausländischen Bevölkerungsgruppen könnte
andererseits nur in diesen heimischen Schichten erfolgen, in denen aus den
genannten Gründen die Abgrenzungskräfte am stärksten sind, was Studien seit
Jahrzehnten bestätigen. [2]