
Was kann
nach der Postmoderne kommen?
Hans Greimer
`1. Ästhetik transformiert sich zu einer generellen, gerade auch wirklichkeitsbezogenen
Disziplin, die der Beachtung von Heterogenität dient....Eine Ästhetik,
welche der Dynamik des Erhabenen gemäß, die Schranke der Kunst
überschreitet, wird hinsichtlich der ganzen Realität zu einem Sensorium für
Grunddifferenzen und zu einer Instanz, die dem Heterogenen Gerechtigkeit
widerfahren läßt. Angesichts einer Wirklichkeit, deren Pluralität heute
durch massive Uniformierungstendenzen bedroht ist, wächst die Relevanz und
Dringlichkeit einer solchen Ästhetik. Das gegenwärtig zu beobachtende
Interesse an ihr - wobei bezeichnenderweise nicht kunstbezogene Reflexionen,
sondern Erschließungsleistungen ästhetischen Denkens für
Wirklichkeitsphänomene im Vordergrund stehen - hat zweifelsohne damit zu tun.
2. Diese Veränderung ist zugleich mit einem Übergang von der
traditionellen Ästhetik zu einer neuen Aisthetik
verbunden. Wahrnehmung wird
vordringlich und grundlegend. Das rührt daher, dass die Heterogenität (von
Lebensformen, Handlungsweisen, Wissenstypen usw.) nicht deduziert werden kann,
sondern zuallererst wahrgenommen werden muss. Eine Ästhetik, die sich im
Zeichen des Erhabenen kunstimmanent dem Heterogenen zuwandte, führt in ihrem
Wirklichkeitsbezug zu einer Aisthetik, die auf den pluralen Charakter und die
einschneidenden Differenzen im Realen achtet.
3. Eine solche Aisthetik schließt eine Anästhetik ein. Sie richtet ihr Augenmerk auf die Ausschlüsse, die
mit jedem Wahrnehmen verbunden sind. Wahrnehmung inmitten von Herterogenität
ist wahrhaftig gar nicht anders möglich, denn als Mitwahrnehmung und
Beachtung von Ausschlüssen. Sie verlangt eine spezifische Aufmerksamkeit auf
die Blindheit des Wahrnehmens selbst, auf die immanente Anästhetik jeder
Ästhetik. Eine solcherart um anästhetische Aspekte erweiterte Ästhetik ist
also zugleich wahrnehmungskritisch und selbstkritisch. In alledem löst sie
noch einmal einen gewichtigen Zug des Erhabenen ein. Schon bei Lyotard wurde
ja ein Zusammenhang von Erhabenem und Anästhetik deutlich: dem
Nicht-Darstellbaren - einem
konstitutiv Anästhetischen - konnte sich nur eine Ästhetik zuwenden, die
Anästhetisches zu thematisieren vermag. Dies gilt es - im Anschluß auch an
Adorno - weiter zu entfalten: Als Wahrnehmung der Brüche zwischen den
einzelnen Sinngebilden, als Bewußtsein ihrer Unübersetzbarkeit ineinander
und als Aufmerksamkeit auf die Verzerrungen, die auf der Kehrseite eines jeden
Sinns lauern. Eine solche anästhetisch sensibilisierte Ästhetik führt
darüber hinaus die für Adorno so wichtige Kritik an blinder Herrschaft fort.
Denn sie opponiert dem intern herrschaftlichen Charakter von Wahrnehmung -
allerdings nicht, indem sie solche Herrschaftlichkeit negiert oder verwirft,
sondern indem sie durch die Beachtung der grundlegenden Spezifität und
Beschränkung allen Wahrnehmens die damit gesetzte Blindheit ins Licht rückt
und so im Maß des Möglichen relativiert.
Unter
Punkt 4 nimmt WELSCH zur Standardeinwendung Stellung, hier solle die Ästhetik
über den Bereich der Kunst hinaus Bedeutung zugesprochen werden, ja sie
würde zu einem ästhetisch-politischen Totalitarismus führen. "Als
realgeschichtliches Beispiel steht dabei das Menetekel "Ästhetisierung
der Politik=Faschismus" vor Augen. Gerade daran würden die Gefahren
einer Ästhetik des Erhabenen offenkundig, denn in welchem Zeichen vollzog
sich die Ästhetisierung der Politik, wenn nicht im Zeichen des Erhabenen?
`Katastrophen sollten Nachdenklichkeit auslösen, nicht das
Differenzierungsvermögen außer Kraft setzen. Offenbar kann sich die
geschilderte Befürchtung nur gegen das traditionelle Erhabene richten,
während die anhand von Adorno verfolgte Deklination des Erhabenen gerade ein
Gegengift gegen solche Totalisierung bildet. Zumal gilt das von einer
Ästhetik der mittlerweile skizzierten Art, von einer um Aisthetik und
Anästhetik erweiterten Ästhetik. Wenn deren Grundinteresse darauf zielt, dem
Heterogenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und wenn sie ihre ganze
Aufmerksamkeit darauf richtet, Grunddifferenzen, Ausschlüsse und
Unübersetzbarkeiten wahrzunehmen und zu verteidigen, dann stellt sie offenbar
ein kritisches Gegenpotential gegen solche Totalisierung dar. Gerade sie
verteidigt das Verschiedene und gebietet allen Übergriffen Einhalt.
Daher ist eine "Ästhetisierung der Politik" aus ihrem Duktus
nicht zu befürchten, sondern wird in ihrem Horizont gerade bekämpfbar. Eine
solche Ästhetik führt nicht zu einer Politik der großen Integration,
sondern zu einer Politik, die für die heterogenen Ziele, wie sie in den
diversen Lebensformen, Handlungsweisen und Wissensarten verkörpert sind,
sensibel ist und ihnen im Maße des Möglichen zur Entwicklung verhilft. Sie
arbeitet einer Politik nicht der Totatlisierung , sondern der
Inkommensurabilität zu. Daher ist die Ästhetik von der hier die Rede ist,
auch allergisch gegen die Tendenz zum Gesamtkunstwerk, und das nicht bloß
binnenästhetisch, sondern ebenso transästhetisch, also gerade auch
hinsichtlich des "politischen Gesamtkunstwerks", wie es in der Tat
die faschistische "Ästhetisierung der Politik" charakterisierte.
Eine Ästhetik, die das Erhabene im gekennzeichneten Sinn beerbt, tritt
der Verschmelzung von Wirklichkeitssphären entgegen." Im weiteren nimmt
WELSCH Bezug auf die Ästhetik Marinettis, die von Benjamin kritisiert wurde.
"Marinetti treibt eine ästhetische Faszination mitsamt deren
Verselbständigung und Totalisierung auf die Spitze;
alles Entgegenstehende, noch jede natürliche oder ethische Regung wird
davon überschwemmt. Aber das folgt eben nicht bloß in terminologischer,
sondern in ideologischer Konsequenz der Großversöhnungslogik des Schönen - nicht der Sprenglogik des Erhabenen. ....
Die moderne Ästhetik des Erhabenen hat mit diesen Apsirationen
gebrochen. Sie hat von ihrer ganzen Konstitution her eine Sperre gegen derlei
Totalisierungen eingebaut, sowohl gegen die "schöne" wie gegen jede
andere Totalisierung. Ihr kritisches Auge richtet sich gegen den Bombast des
Ganzen, ihr fürsorgliches Interesse gilt der Diversität des
Widerstreitenden. Sie ist ein Anwalt der Eigenständigkeit aller
Wirklichkeitssphären- sowohl der ästhetischen Sphäre als solcher wie auch
der anderen ihr gegenüber. Sie mahnt Differenzen zu beachten und den
Unversöhnlichkeiten sich zu stellen. Einer Ästhetik dieser Art sollte man
nicht mit dem Argwohn erneuter ästhetischer Totalisierung begegnen; man
hätte vielmehr Anlaß, ihre Widerstandskraft gegen all solche - schleichende
oder manifeste, alltägliche oder traumatische - Integration und
Hyperversöhnung anzuerkennen.
5. Schließlich tendiert eine solche Konzeption von Ästhetik - und
auch das führt einen Zug von Adornos Denken weiter - zu einer Position, die
man durch die Formel "Ästhetik als Erste Philosophie" kennzeichnen
könnte. Diese heikle Aussage ist erläuterunsbedürftig. Dabei ist zugleich
zu erklären, in welch spezifischem und legitimem Sinn eine deratige Ästhetik
ein Anwalt des Ganzen zu sein vermöchte. Im Sinne der Totalisierung kommt ihr
eine solche Funktion - das sollte klar geworden sein - gewiß nicht zu. Auf
anderer Ebene und in neuer Weise aber ist ihr ein Bezug aufs Ganze sehr wohl
eigen. Insofern nämlich, als diese Ästhetik genau jene Struktur exponiert
und vertritt, die das Ganze als eine Pluralität heterogener Gebilde vor Augen
bringt und von dem man heute sagen kann, dass sie weithin das Weltbild unserer
Zeit bestimmt. Denn schier allenthalben ist unser Denken dazu übergegangen,
die Idee eines letzten Fundaments zu verabschieden und statt dessen eine
originäre Vielzahl wirklicher und möglicher Welten, Sinngestalten und
Lebensformen anzuerkennen und als Basisbeschreibung zu vertreten. Dies reicht
von philosophischen Heroen wie Heidegger und Wittgenstein über Ansätze bei
Derrida und Goodman oder Putman und Rorty bis hin zu detaillierten Analysen
bei FOUCAULT und Feyerabend.
Diese Weltsicht, die unsere neueren Erfahrungen und
Verständigungsweisen bestimmt, und in diesem Sinn als eine Erste Philosophie
unserer Zeit gelten kann ( wenn man mit diesem Terminus nicht seine
theologischen Lasten, sondern seinen philosophisch-formalen Sinn verbindet:
den einer Explikation der grundlegendsten Verstehens- und Denkformen), ist in
besonderer Weise der Ästhetik zu eigen und vertraut....So gesehen ist unser
Grundbild von Welt primär ästhetisch konturiert. Daher vermag eine
Ästhetik, die diese Grundstruktur exponiert, für das Ganze zu sprechen. Sie
tut dies freilich so, dass sie zur Achtung und Wahrung der Pluralität anhält
- gegen jegliche Totalisierung. Darin tritt sie noch einmal insgesamt für das
ein, was Adorno im besonderen als Interesse des Erhabenen identifiziert hatte:
Gerechtigkeit gegenüber dem Heterogenen.
Die Ästhetik des Erhabenen hat, indem sie in die Poren unseres
Bewusstseinsdrang, und die Erste Philosophie unserer Zeit mitprägte, zu einer
kritischen und offenen Weltsicht geführt- gegen jeglichen Monumentalismus und
Substantialismus, wie er ehedem mit der Kategorie des Erhabenen verbunden war.
Das überkommene Erhabene verfiel in der Tat der Lächerlichkeit; das moderne
hat sich von seinen alten Lasten befreit.`
1.1.1.
Kritische Bemerkungen
1)
das Verhältnis des Differenten, Heterogenen, Inkommensurablen
zum Ganzen und
2)
das Verhältnis des Differenten zu sich selbst dar.
Ein wirklich Modernes Erhabenes müsste sich selbst den Forderungen seiner selbst unterziehen und sich selbst
neben
alle anderen, bisherigen und in Zukunft noch möglichen Ästhetiken stellen,
und sich selbst als ein Differentes, ein Gebilde in der Pluralität des Ganzen
erkennen, müsste sich selbst jeglichen überzeitlichen, über jeder möglichen
Entwicklung stehenden Meta-Charakter absprechen, dürfte sich nicht selbst
gerade als das exponieren, was es bekämpft, als ein letztes Fundament. Es dürfte
sich selbst nur als eines vielleicht unendlich vieler möglicher
Gebilde (Fundamente) in einer originären Vielzahl anderer bereits
bisher historisch wirklicher, verwirklichter aber auch möglicher Ästhetiken
erfassen, und dementsprechend die Forderung seiner selbst auf sich selbst
anwenden, um dem Vorwurf zu entgehen, selbst wiederum ein traditionell
Erhabenes zu setzen und zu sein.
Ein
wirklich Modernes - Erhabenes im Sinne der Forderung müsste mit sich selbst
viel kritischer und strenger umgehen, denn so, wie es konzipiert ist, ist es
in doppelter Hinsicht selbst totalitär. Zum einen agiert es selbst wieder mit
Ausschluss, Verdrängung, indem es das traditionell Erhabene, alle Ästhetiken,
die es hervorbrachte, ausklammert, und die künftige Möglichkeit eines
"anderen Erhabenen" nämlich eines Erhabenen, das substantiell von
einem absoluten, unendlichen Ganzen und Einen ausgeht, in dem erst deduktiv
alles Viele, Unterschiedene, Differente,
und Heterogene aller Sphären, usw.
erkannt wird, grundsätzlich ausschließt, dagegen selbst eine Art Blindheit
fordert, oder besitzt.
Es
dürfte nur ein
Gebilde in der Struktur des Ganzen sein. Es darf nur das Ganze eines originär
Differenten, Heterogenen sein. Wäre es das Ganze des Ganzen aller originären Vielzahlen, aller heterogenen
Gebilde der Pluralität, so würde es sogleich übergehen in das traditionelle
Erhabene, das es bekämpft, es wäre inadäquat herrschaftsstiftend
Totalisierendes. Ist also das Moderne Erhabene Ganzes nur eines der
Differenten in der originären Vielzahl, stünde es neben allen anderen
Ästhetiken, die es in der Geschichte bisher gab und die es je geben wird,
auch neben den von ihm bekämpften, dann hätte der Kampf dagegen keine
Berechtigung, dürfte letztlich nicht geführt werden.
Ist
aber das Moderne Erhabene das "Ganze des Ganzen" also aller
heterogenen Gebilde in der originären Vielzahl, so wäre es ein Erstes über, jenseits der originären Vielzahl heterogener Gebilde, es
wäre also originärer und primärer als
die originäre Vielzahl, womit aber die Originärität der Vielzahl nicht mehr
bestünde, sondern in einer Relation zur Originärität des Ganzen des Ganzen
stünde. Damit aber würde das Ganze des Ganzen zu einem traditionellen
Erhabenen, zu einer Einheit über der Vielheit, einem Ganzen jenseits der
Teile, es gäbe dann also einen Ursprung über der Vielheit, eine Einheit
über der Vielheit, die aber die Vielheit nicht nur formal bestimmt und
bedingt, sondern sie auch inhaltlich determiniert ( womöglich als solche erst
über ihre Konzeptualität konstituiert).
Alles
dies aber sind Charakteristika des vom Modernen Erhabenen kritisierten
traditionellen Erhabenen, welches somit wieder eingeführt und postuliert
wäre. Es bleibt also bereits hier die Frage: Wie ist das Ganze des Modern -
Erhabenen Ganzes?
Was
schließlich das von WELSCH skizzierte Moderne Erhabene betrifft, so ist zu
den obigen Problemen u.a. auch noch folgendes hinzuzufügen:
1.
Die Begriffe "Ganzheit", "Heterogenität",
"Differenz", "Grunddifferenz", "Pluralität",
"originäre Vielzahl", "Ausschluss", "Einschluss",
"Brüche zwischen den Sinngebilden", "Struktur",
"Grundstruktur" "Inkommensurabilität", usw. implizieren
und postulieren eine Theorie eines Ganzen und einer originären Vielzahl.
Diese Theorie ist sinnvoll nicht aufrechtzuerhalten ohne eine Totalisierung
aller heterogen erkannten Gebilde des Ganzen als einer Pluralität,
von der die Theorie selbst aber auf jeden Fall ausgeschlossen werden muss, um
"bestehen zu können". Wird sie nämlich auf sich selbst
angewendet, verliert sie jede Anwendungszulässigkeit auf die originäre
Vielzahl, deren Teil sie selbst würde. Die Theorie muss daher selbst die
gewaltsam einheitsstiftende, totalisierend herrschaftliche Funktion besitzen,
die am traditionelle Erhabene abgelehnt wird.
Sagt
nicht diese Theorie für alles
Differente, wie man
mit ihm umzugehen hat? Sagt es nicht auch, wie und in welcher Form
Wirklichkeitssphären verschmolzen werden dürfen und müssen?
Wir
begegnen hier einem Mangel, der vielen epistemologischer Thesen anhaftet: etwa
auch dem zirkulären Werden bei HEGEL, dem hermeneutischen Zirkel, der
Eliminierung des Allgemeinbegriffs in der Spätphilosophie Wittgensteins,
Approximationsthesen an die Wahrheit, den Diskurstheoremen bei FOUCAULT, dem
Kohärenzpostulat sowie den Grundlagen einer kommunikationstheoretisch
begründeten pragmatischen Wahrheitstheorie, und einer
kommunikationstheoretisch begründeten Universalität der Rationalität bei
HABERMAS.
Allen
diesen Thesen ist gemeinsam, dass sie eine letzte Grundlage, ein letztes
Fundament, leugnen, sich selbst jedoch als ein solches allgemeingültiges,
jeglicher zeitlichen, geschichtlichen oder sozialen Relativität entzogenes
Fundament exponieren. Würden sie konsequent, was sie von allen anderen
Theoremen und Epistemen behauten, auch auf sich selbst anwenden, wozu sie bei
genügender Redlichkeit verpflichtet wären, so würden sie in das Werden, die
Relativität, Zeitlichkeit, in den Wandeln usw. hineingezogen, dem sie alle
anderen Episteme unterwerfen. Sie fordern für sich selbst ohne sachliche
Begründung, ohne Substantialität, letzte unveränderbare Grundlage,
letztes un-relatives (absolutes) Fundament zu sein, und gerieren damit
selbst als das, was sie am meisten zu eliminieren versuchen: als Erhabenes im
traditionellen Sinne, als sachlich Fundamentales.
WELSCH
hat in seinem späteren Werk: "Vernunft.
Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen
Vernunft". 1995 eben diese Probleme der selbstreferentiellen
Konsistenz sehr ehrlich und konsequent aufgegriffen, in einer Schärfe, die
bei HABERMAS etwa nicht zu finden ist. Wir gehen unter ..auf diese neuen,
verfeinerten Überlegungen gesondert ein.
2.
Tatsächlich erweist sich dieses Moderne Erhabene nur als eine von vielen
bisherigen Theorien über das Verhältnis des Ganzen zu Teilen, des Einen zum
Vielen. Die These, dass es kein letztes Fundament gäbe, sondern eine
originäre Vielzahl von Welten bestünde, daher auch die Erkenntnisstruktur
dieser originären Pluralität adäquat sein müsse, ist zweifelsohne nur eine
Variante der bisher in der Geschichte der Philosophie entwickelten Episteme.
Übersehen wird dabei aber bereits, dass die These selbst nicht selbst
Heterogenes, Differentes, Inkommensurables zu einem anderen, zu vielen anderen
sein darf und kann, sondern selbst von sich fordert:
Einheitliches,
Ganzes des Ganzen, Unwandelbares, Unveränderbares und damit Totalisierendes
zu sein. Totalisierung hieße ja in etwa Verganzheitlichung usw.
Ist
nicht dieses Moderne Erhabene im Sinne seiner eigenen Erkenntnistheorie nur
wieder ein einzelnes Sinngebilde, behaftet mit Verzerrung, die auf der
Kehrseite eines jeden Sinns lauern. Oder ist dieses Moderne Erhabene nicht ein
einzelner Sinn, sondern der einzige GANZE SINN, dessen erkenntnistheoretische
Berechtigung aber eben von diesem Modernen Erhabenen geleugnet wird? Wie kann
sich dieses Moderne Erhabene selbst unbegrenzten Sinn zugestehen, wo es doch
nur einzelne Sinngebilde zulässt, die notwendig Verzerrungen besitzen und
auch partial blind sind? Ist dieses Moderne Erhabene allseitig,
alldurchdringend sehend, ohne jegliche Blindheit?
Wenn
allerdings WELSCH meint, dass dieses Paradigma des Modernen Erhabenen
"weithin das Weltbild unserer Zeit bestimmt" so gilt dies nur in
begrenztem Maß für die Staaten Mitteleuropas, nicht mehr für Nordamerika
und Japan und sicher nicht für die Staaten der Dritten und Vierten Welt. Auch
in den Industriestaaten konkurriert das postmoderne Paradigma mit anderen
Ansätzen.( Vgl. unten....).
1.2.
Umsetzung in die pragmatische Ebene („Verfehlung des Konkreten“)
Wir
wollen nun einige ernste pragmatische Probleme aufzeigen, welche dem Postulat
des modernen Erhabenen anhaften, dessen Grundinteresse darauf abzielt, dem
Heterogenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, Grunddifferenzen,
Ausschlüsse und Unübersetzbarkeiten wahrzunehmen und zu verteidigen, das
kritisches Gegenpotential gegen Totalisierungen darzustellen, welches der
Verschmelzung von Wirklichkeitssphären entgegentritt, als ein Anwalt der
Eigenständigkeit aller Wirklichkeitssphären, welcher sich den
Unversöhnlichkeiten stellt. Zu vertreten ist die Vorstellung einer Struktur,
die das Ganze als eine Pluralität heterogener Gebilde vor Augen bringt.
In
meinem Aufsatz "Problems of the Concept of
Evolution Demonstrated in Kinship and Social Change among Migrant Workers in
den Wiener
Beiträgen zur Ethnologie und Anthropologie Vol.5 (1989)
wird stufenweise die typische postmoderne Problemsituation expliziert:
1.2.1.1.Sozialsystem1
Ein
integrativer Ansatz funktionalistischer und konflikttheoretisch-dialektischer
(marxistischer) und postmoderner Positionen mag etwa das folgende
Faktorenmodell der Gesellschaft (als eines Ganzen von Heterogenem)
ergeben (FIGUR 1 in http://or-om.org/Migrationsprobleme.htm
),welches nur für hochindustrialisierte Länder Anwendung finden kann und
selbst einem bestimmten Punkte der Wissenschaftsentwicklung entspricht:
a)
Ebenen, a.a Religion-Kultur-Technologie-Wissenschaft-Kunst (K)
a.b
Sprache-Kommunikation (S), a.c Wirtschaft (W), a.d Politik-Recht-Ethik (P);
b)
Schichtaufbau;
c)Individualebene;
c.a Minoritäten, c.b Subkulturen;
d)
natürliche Umwelt;
e)
Gegensatzdimension, e.a innerpsychische Gegensätzlichkeit mit
psychologischen und rollentheoretischen Ansätzen, e.b soziale
Gegensätzlichkeiten; f) Zeitdimension. (Vgl. genaue Explizierung in
PFLEGERL, 1977).
Da
es sich um ein bestimmtes System im Bereich der Industriestaaten handelt,
wollen wir dieses als
Sozialsystem1
bezeichnen,
das in seinen soziologischen Eigenheiten als grünes System gelten soll. (Die
Metapher von der Grünheit des Systems ist natürlich bereits wiederum eine
starke Simplifizierung des Differenten, weil in der Grünheit Schattierungen
bestehen können, aber das Differente <Andere> des systemdifferenten
Grünen (Eigenen) im System selbst sich als Einsprenkelungen anderer Farben
darstellt, worauf hier noch gar nicht eingegangen wird).
Es
wäre naiv, die Probleme nicht zu sehen, die hier bereits entstehen:
*
Unsere Sätze bis hierher gehören einmal vorerst dem
Sozialsystem1
an, haben daher grüne Färbung, sind
nicht systeminvariant, gehören dem Eigenen Grünen an, dem Different-Grünen.
*
Wenn auch das Modell des Sozialsystems1
in der Lage ist, alle Begriffe aufzunehmen, die im Sozialsystem1
jemals gebildet werden sollten, (darin sind natürlich auch alle
Begriffe und Ansätze der Postmoderne enthalten, neben allen anderen Epistemen
der Rationalität),so haftet ihnen doch Subjektivität
und Intersubjektivität bezogen auf das grüne System an.
*
Die reflexiven Leistungen (Selbstthematisierungen), welche von der
Systemtheorie vorausgesetzt werden (vgl. etwa HABERMAS, Theorie des
kommunikativen Handelns, oder das hier dargelegte Modell der Postmoderne einer
Struktur, die das Ganze als eine inkommensurable Pluralität erfasst, oder das
weiter unten benütze Modell der Ordnung der Ordnungen nach Waldenfels),
unterliegen hinsichtlich ihrer Begrifflichkeit einer System-Immanenz und
Systemvermitteltheit bezüglich des
Sozialsystems1. Damit bleibt auch die postmoderne Systemtheorie durch ihre Sozialsystem1-Immanenz
und Sozialsystem1-Vermitteltheit
in ihren Reflexionsleistungen an die
Systembedingtheiten des
Sozialsystems1 gebunden. Es ergibt
sich bildhaft die Frage, inwieweit reflexive Selbstthematisierungen der
Systemtheorie die Grünheit ihrer eigenen Sozialsystem1-Immanenz
und -Vermitteltheit abschütteln
könnten.
Wir benehmen uns - kurz - in unseren Reflexionen über die eigene Gesellschaft
bereits immer so, als könnten wir sie unabhängig von unserer eigenen
Grünheit betrachten, über sie grün-unabhängige Aussagen machen,
Meta-Aussagen, die farblos, unabhängig von jeglicher Evolution unseres
eigenen Systems, ja aller Systeme wären
Wir haben dies oben auch für die Postmoderne nachgezeichnet. Auch sie
erhebt sich über die eigene Implikationen in eine Farblosigkeit, die sie
nicht rechtfertigen kann und sie in Traditionell-Erhabenes zurückbringt, das
sie bekämpft. Auch sie repliziert "transzendentale Gewalt" nach
Waldenfels. Obwohl wir so denken, hat diese Art des Denkens derzeit noch
keinerlei wissenschaftlich gesicherte Grundlage.
Wir halten fest: Die Aussagen über das Sozialsystem1
durch einen Vertreter des Systems (
auch WELSCH, Lyotard, Waldenfels usw.) besitzen keinerlei theoretisch
gesicherte Grundlage jenseits der Grünheit des Systems.
1.2.1.2.
Sozialsystem1 und Sozialsystem 2
Die
theoretischen Grundlagen der wissenschaftlichen Forschung werden zusätzlich
diffuser und unsicherer, wenn wir Aussagen über zwei Systeme treffen wollen,
was in den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen, aber auch in der
politischen Praxis geschieht und letztlich auch in der Postmoderne geschehen
muss. (vgl. Waldenfels Begriffe von Egozentrik, Logozentrik und Ethnozentrik).
FIGUR
2 zeigt
in vorläufig naiver Weise die Gegenüberstellung zweier Sozialsysteme. DasSozialsystem
2 sei bestimmt durch vom grünen
Sozialsystem1 erheblich abweichende Determinanten. Wir nennen es daher lila und
bezeichnen es als
Sozialsystem 2
Das
lila System stelle etwa ein Entwicklungsland dar.
Zwei
färbige Systeme,, die Weltbilder zweier unterschiedlich gefärbter Systeme,
können weder mit den Begriffen eines der beiden Systeme noch mit denen eines
dritten, anders gefärbten, Systems adäquat aufeinander bezogen werden
(Problem der Transformationsadäquanz von Begriffen). Die Probleme unter 1.1.
machen deutlich, dass durch die Sozialsystem1-Immanenz
- Vermitteltheit (Sozialsystem
2-Immanenz und-Vermitteltheit)
der Begriffe in Sozialsystem1
und Sozialsystem
2 eine Übertragung in andere Systeme
inadäquat ist.
In
einem Gleichnis kann dies folgend veranschaulicht werden:
Sozialsystem1
seien die technischen Konstruktionspläne eines PKWs
und Sozialsystem
2 die Pläne eines von Pferden
gezogenen Wagens. Man kann einen PKW mit den Konstruktionsbegriffen eines
Pferdewagens beschreiben oder umgekehrt den Pferdewagen mit den Begriffen
eines PKW. Offensichtlich werden aber beide Beschreibungen inadäquat sein. Zu
prüfen ist weiterhin, ob der
Beschreibende des PKW nur die Pläne des
Sozialsystems1 kennt, oder beide und umgekehrt, ob der Beschreibende der Pferdekutsche
nur die Pläne Sozialsystem
2 kennt oder beide.
Hier wird neuerlich deutlich, dass unsere auf diesem Blatt geschriebenen
Sätze selbst, um sinnvoll sein zu können, einem System ohne
Sozialsystem1-Immanenz usw. angehören
müssen, wobei das Problem des infiniten Regresses der Reflexions- und
Sprachstufen wiederum auftritt. Subjekte aus
Sozialsystem1/Sozialsystem
2 benützen bei der Betrachtung
(Forschung) von Sozialsystem
2/
Sozialsystem1 die mit jeweiliger
Systemimmanenz und -Vermitteltheit behafteten, gefärbten Begriffe (Brillen)
und können daher durch diese Begriffsverzerrung (Farb- und Glasverzerrung),
das Sozialsystem
2/
Sozialsystem1 nur mangelhaft erkennen,
woraus sich eine durch die jeweilige System-Immanenz und -Vermitteltheit
bedingte Inadäquanz(farblos) der Erkenntnis ergibt.
Unsere hiesigen Aussagen (z.B. auch alle Überlegungen Waldenfels` und anderer
postmoderner Philosophen), welche das Problem des (europäischen)
Ethnozentrismus behandeln), befinden sich zweifelsohne auf einer Über-Ebene,
Meta-Ebene M1. Es ergibt sich:
Metaebene
Sozialsystem1
Sozialsystem 2
grün
rot
Wir sprechen in der Metaebene und treffen darin Aussagen, die aber in keiner
Weise formal oder inhaltlich
wissenschaftlich oder erkenntnistheoretisch gesichert sind.
Ähnliche
Probleme gibt es bereits in den weniger komplexen Systemen der Mathematik.
"Es gibt unter der Vorraussetzung der formalen Widerspruchsfreiheit des
Systems keinen Widerspruchsfreiheitsbeweis, der mit den im System selbst
formulierten Methoden erbracht werden könnte". "Ganz allgemein
zwingt TH7 den Mathematiker, bei seinen auf ein formales System gerichteten
Untersuchungen solchen Methoden Vertrauen zu schenken, die im System selbst
nicht formalisiert sind." ( Unvollständigkeit und Unentscheidbarkeit.
Die metamathematischen Resultate von Gödel, Church, Kleene, Rosser und ihr
erkenntnistheoretische Bedeutung. Stegmüller, Wien 1959).
Die
Nichtbeachtung dieser wissenschaftlichen Situation und aller damit verbundenen
ethnozentrischen Erkenntnisverzerrungen ist eine empirische Tatsache. Die
zunehmenden kommunikativen Verschränkungen im Weltsystem aktualisieren die
Problemstellung. Die Frage nach der Begründungsmöglichkeit eines farblosen
Bezugssystems, welches unabhängig von der Evolution aller Systeme im
Weltsystem Grundlage der Systembetrachtung sein kann, wird an Dringlichkeit
zunehmen.
Dass
die hier behandelten Vernunftkonzepte der Postmoderne ein solches farbloses
Bezugssystem nicht sein können,
ergibt sich, abgesehen vom bisher Gesagten, auch daraus, dass sie auf Grund ihrer eigenen Grundannahmen solche Grundlagen
ausschließen aber umgekehrt so gerieren, als könnten sie selbst diese
Funktion übernehmen.
Nun
könnte die Konzepte einwenden, gerade in ihrem Ansätzen würde ja diese Heterogenität, diese
Inkommensurabilität und Unübersetzbarkeit der
Partialgefüge und -Ordnungen mit Deutlichkeit akzentuiert, dies sei doch
eines ihrer wichtigsten Anliegen. Dies wird auch unsererseits anerkannt.
Unsere Kritik richtet sich jedoch gegen zwei Grundannahmen der
„einheitsstiftenden“ Vernunftkonzepte der Postmoderne:
a)
dass ihre eigenen Grundannahmen entgegen ihren eigenen Postulaten eine
Gültigkeit jenseits aller Partialordnungen und -Systeme besitzen müssten,
also farblos oder weiß wären, was selbst wieder totalisierende Gewalt
darstellt;
b)
dass sie ohne Rechtfertigung behaupten, die Grenzen ihren eignen Grundannahmen
seien die letzten des menschlichen Erkenntnisvermögens, die epistemische
Gewinnung eines ersten oder letzten transsubjektiven und transsozialen
unendlichen und unbedingten, ganzen Sachgrundes, der natürlich die einzige
Basis sytemunahängiger Grundannahmen über Partialordnungen sein könnte, sei
ausgeschlossen, wobei sie sich hierbei ähnlich wie HABERMAS u.a. auf die
Entwicklung der europäischen Tradition seit der Aufklärung beziehen.
1.2.1.3. Weltsystem
Wenn wir auch nur in oberflächlicher Weise versuchen, Systemtypen im
Weltsystem aufzustellen, treten die Probleme unter 1.2 in potenzierter Form
auf.
Die
theoretischen Vorbehalte unter 1.2. gelten sinngemäß.
Unsere hiesigen Aussagen befinden sich zweifelsohne auf einer neuen
Meta-Ebene. Es ergibt sich:
2.Metaebene
Sozialsystem1
Sozialsystem
2
Sozialsystem3
Auch
hier gilt, dass diese Aussagen in keiner Weise formal oder inhaltlich
wissenschaftlich oder erkenntnistheoretisch gesichert sind.
Unsere Forschungsergebnisse bei Eingeborenenstämmen, die ökonomischen
Theorien eines amerikanischen Bankiers hinsichtlich der Inflation in einem
Entwicklungsland, die Evolutionsthesen der sozialistischen Länder, die
Gegensätze zwischen mythologischen und rational-wissenschaftlichen
Weltbildparadigmen in der New-Age-Bewegung, die islamische These von der
Evolution der Religionssysteme, die reaktiven Entwürfe religiös-nationaler
Identitätsstrategien in den Entwicklungsländern, der Cargo-Kult, die Sätze
von LEVI-STRAUSS über den Mythos der Mythologie in der Einleitung zu "Mythologica
I", die Theorie des Ganzen als einer originären Pluralität heterogener
Gebilde bei WELSCH, die Überlegungen Waldenfels' über Eigenes und Fremdes,
sie alle sind betroffen von der erwähnten Problematik, besitzen eigentlich
keine theoretische Begründung.
1.2.1.4.
Internationales Schichtungssystem
Das Weltsystem, ähnlich wie einen
Einzelstaat, als ein in sich geschichtetes System zu betrachten, wird in
verschiedener Weise in der Forschung versucht (Heinz, Senghaas, Russert,
Lagos).
Die
Analogie ist infolge der unterschiedlich hohen Integrationsgrade im Weltsystem
in ökonomischer, politischer, sprachlicher und kultureller Hinsicht mit
Vorsicht anzuwenden. Andererseits ist nur über ein solches Modell, welches
ähnlich unserem Raummodell in FIGUR 1 aufgebaut werden müsste, die
Möglichkeit gegeben, die Unterdrückung im Weltsystem sichtbar zu machen. Die
Weltbilder im Gesamtsystem sind daher durch die Vielzahl inadäquater sozialer
Fixierungen gesellschaftlicher
Gruppen und ganzer Völker miteinander verbunden. Den Begriff
"inadäquat" müsste man hier wiederum farblos verstehen.
1.2.2.
Pragmatischer Bezug auf das postmoderne Modell nach WELSCH
Das
Heterogene, Differente erscheint in unserer Darstellung des grünen Systems
als das Differente, Heterogene aller Ebenen einzeln und in Verbindung, aller
Schichten, aller individuellen Weltbilder von Männern und Frauen,
Minoritäten und Subkulturen, das Differente und Heterogene der natürlichen
Umwelt, das Differente aller Differenz- und Spannungsgebilde aller Subjekte im
System und aller sozialen Gruppierungen inklusive aller Theorien über die
Differenz, das Heterogene, wovon natürlich die Postmoderne nur eine unter
heute sehr vielen ( z.B. psychologischen Ansätzen, wovon es allein über 700
gibt, rollentheoretischen Vorstellungen usw.) bildet und schließlich das
Differente, Heterogene, welches sich durch die zeitliche
"Veränderung" ergibt. Es wäre Änderung des Differenten,
Heterogenen alles bisher dargelegten Differenten einzeln und in allen
Wirkungen des vielheitlichen Differenten aufeinander. (Zeit könnte man
verstehen als Form des allaugenblicklichen Überganges des Ganzen des
heterogen Differenten zu einem neuen heterogen Differenten?).
Das
Differente ist aber allein im grünen System noch viel heterogener und
differenter, da jedes Einzelne, das wir bisher mit den differenten Faktoren
erkannten in jedem Einzelnen als weiteres Differentes zur Bestimmung des
Einzelnen hinzutritt. Beispielsweise wäre die subjektive Identität jedes
Menschen im System bestimmt durch eine Vielzahl an Differentem in Rahmen des
Differenten im System.
Der
Gedanke :" Die Beziehung zu meiner Mutter hat sich als allmählicher
ambivalenter Ablösungsprozess dargestellt, der aber durch den Umstand, dass
meine Mutter mich in einer die Persönlichkeitsentwicklung stark behindernden
Weise in erheblicher psychischer Abhängigkeit zu sich hielt, entscheidend
erschwert wird", einer Frau in der Mittelschichte in einer Kleinstadt des
Systems ist Differentes, bestimmt durch alle 6 Faktoren des Differenten, die
wir in der Differenzierung bisher erwähnten. Durch die Ebenen, die Position
in der Schichte, durch die Situation ihrer Individualität als Frau, durch die
natürliche Situation ihres Körpers und ihrer Umwelt, die innerpsychischen
Konfliktpotentiale in der Familie, die Konfliktpotentiale in der
Gesamtgesellschaft (darunter auch alle Theorien der Emanzipationsbewegungen
der Frau, durch ihre Position im Lebenszyklus, usw.).
Ist
unsere Darstellung des Differenten im Sinne der Postulate der Postmoderne
differenziert genug?
Unsere
Probleme werden noch viel schwieriger, wenn wir zum grünen System ein
zweites, etwa lila System eines Entwicklungslandes hinzunehmen, in welchen
ganz andere Bedingungen hinsichtlich der Ebenen, der Schichtung, der
Individualpsyche, der Stellung der Minoritäten und Subkulturen, der Natur und
der psychischen und sozialen Gegensätze und Differenzen gelten. Wir müssen
in unserer postmodernen Theorie einer Struktur, die das Ganze als eine
Pluralität heterogener Gebilde auffasst, jetzt schon alle grünen und lila
Systemvermitteltheiten und Systemimmanenzen überschreiten, um dieses Ganze zu
erkennen. Ja, wir müssen wiederum feststellen, dass die Theorie der
Postmoderne überhaupt nicht in der Lage sein kann, so systeminvariant zu
sein, dass sie in der Lage wäre, all das grün Differente, grün Heterogene,
das Eigenegrün und Anderegrün, sowie das Eigenelila
und das Anderelila, all
das lila Differente und lila Heterogene und alle Überschneidungen, die
zwischen diesen beiden Arten des Differenten und Heterogenen bestehen,
"adäquat" in einem Ganzen zu erkennen. Es müsste ja ein farbloses
Ganzes sein, und der Begriff "adäquat" könnte doch auch nur dann
sinnvoll sein, wenn man von einer farblosen Meta-Ebene aus, alles
grün
lila
lila-grün Differente
und Heterogene
grün-lila
erkennen
könnte.
Wir
müssen feststellten, dass die Theorie der Postmoderne bei der pragmatischen
Anwendung in Sozial- oder Sinnsystemen, d.h. in Systemen und Strukturen, wo
mehrere Weltbilder als Differentes und Heterogenes real zusammen existieren,
überhaupt nicht die Rolle eines Anwaltes spielen kann, der von Systemimmanenz
und Systemvermitteltheit so weit frei (farblos) ist, dass er dieser Aufgabe
gewachsen sein könnte. Wir haben kein Recht, dieser Theorie solche
Qualitäten zuzuerkennen. Sie kann aus ihren eigenen Implikationen und
Grundmaximen heraus, diese Universalität überhaupt nicht in Anspruch nehmen.
.
Die postmoderne Forderung:
`dem
Heterogenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, Grunddifferenzen,
Ausschlüsse und Unübersetzbarkeiten wahrzunehmen und zu verteidigen, das
kritisches Gegenpotential gegen Totalisierungen darzustellen, welches der
Verschmelzung von Wirklichkeitssphären entgegentritt, als ein Anwalt der
Eigenständigkeit aller Wirklichkeitssphären, welcher sich den
Unversöhnlichkeiten stellt, zu fungieren.und die Vorstellung einer Struktur
zu vertreten, die das Ganze als eine Pluralität heterogener Gebilde vor Augen
bringt`
ist
im Lichte der Frage zu sehen, inwieweit das Heterogene, Differente aller
Weltbilder, aller Mitglieder dieses Systems tatsächlich nach diesem Postulat
behandelt werden darf. Zwei Probleme gibt es vordringlich.
In
welchem Verhältnis stehen die Weltbilder der Menschen der hohen und niederen
Schichten zueinander und wieweit muss dieses Differente als Heterogenes
erhalten und verteidigt werden? Während in grünen Systemen der
Industrieländern etwa in den Weltbildern aller politischen Parteien eine
relative Homogenität des Demokratieverständnisses und der Haltung zu den
Menschenrechten als Grundlage enthalten ist, stehen sich in den lila Systemen
der Entwicklungsländer politische Weltbilder des militanten Rechts- und
Linksextremismus gegenüber, und enthalten die Weltbilder der Parteiprofile
u.U. äußerst bedenkliche Haltungen zu demokratischen Spielregeln und der
Behandlung der Menschrechte. Wie weit darf man extremistischen und
fundamentalistischen Parteiprofilen als Heterogenem und Differentem in einem
Ganzen, selbst im Rahmen der Kriterien der Inkommensurabilität und
Unübersetzbarkeit Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wie ist bei Zunahme des
Differenten und Heterogenen im Ganzen ohne "integrative Beiträge"
aller Gebilde im Ganzen selbst irgend eine (Mindest?)-Stabilität aller im
Ganzen derzeit vorhandenen heterogenen Gebilde möglich? Was sind die
inhaltlichen Grundlagen dieser Mindestintegration? Ist nicht das
Postulat einer Verteidigung des Differenten u.U. die Perpetuierung sozialer
Ungerechtigkeit, Unterdrückung und inadäquater Fixierung ganzer Schichten
des Systems? Will die Postmoderne das Differente in seiner jetzigen Form im
Ganzen erhalten? Oder will es auch das Differente eines Systems vor 100 Jahren
als solches erhalten? Soll das Differente, Heterogene so bleiben wie es jetzt
ist? Kann nicht dieses Postulat von jedem wissenschaftlichen, künstlerischen
oder politischen Ansatz im System für sich moniert werden, gegen alle anderen
als dem anderen Differenten? Wie weit darf neues Heterogenes, Differentes, das
es überhaupt nach "Form und Inhalt"
im System noch nie gegeben hat, hinzukommen? Führt die praktische
Anwendung des Postulates zu inhaltlicher Indifferenz. Da das postmoderne
Postulat selbst nur eines von vielen im System ist, welches die Beziehungen
eines Ganzen zu seinen heterogenen Gebilden in sich regelt, wie muss es selbst
mit allen anderen Postulaten umgehen, die sich als Erste Philosophie im
traditionellen oder modernen Sinne verstehen, und welche die Beziehung
zwischen Ganzen und Vielheiten der Gebilde anders regeln, unübersetzbar,
inkommensurabel zur Postmoderne stehen? Sind die in den grünen Staaten
entwickelten Thesen der Demokratie oder der Menschenrechte selbst ein
Differentes und Heterogenes, das in allen
Systemen und Ordnungen als Differentes eingeführt werden soll? Ist es
etwa ein Differentes, das selbst durch ein anderes Differentes ersetzt werden
könnte oder müsste. Sind diese Thesen schon das letzte Wort an inhaltlichen
Kriterien der Universalität?
Was
bedeutet der Grundsatz Lyotards, dass Pluralität und Heterogenität der
Richtungen, Ismen und Ansätze essentiell und unüberschreitbar ist und
zwischen den Gestaltungen nicht etwa Verbindbarkeit sondern Bruch:
Unvergleichbarkeit und Inkommensurabilität herrschen, dass es keinen
Generalnenner aller Gestaltungen, keine Generalkriterien gibt für das
Differente in einem lila System? Ja im Sinne einer Ästhetik als
Widerstandskonzeption wäre politische Emanzipation in dem Sinne angesagt,
dass die normativen Implikationen dieses Konzeptes erst zu entfalten und gegen
Verstöße zu schützen und zu verteidigen wären gegen den allgegenwärtigen
Trend zur Einschleifung, Unterdrückung, Uniformierung des Differenten. Es
ginge um Anerkennung des Differenten, Verbot von Übergriffen, Aufdeckung
impliziter Überherrschung, Widerstand gegen strukturelle Vereinheitlichung,
Befähigung zu Übergängen ohne Gleichmacherei. Statt die Gesellschaft zu
einem harmonischen Ganzen zu fügen, statt der schönen Sozietät müsste eine
Assoziierung des Differenten in seiner unüberschreitbaren Pluralität
geleistet werden, die mit Ganzheit nicht mehr paktieren dürfte, da sie den
Ganzheitswunsch als gefährlich durchschaut hat. Eine solche Politik verfolgte
nicht Versöhnung, sondern erkennt den Widerstreit an.
Es
besteht bei einer pragmatischen Betrachtung der Systemzustände des
Sozialsystems 2 und seines lila
Differenten kein Zweifel daran, dass eine solche Maxime in einem solchen
System gerade das nicht leisten könnte, was sie erreichen will. Die
Inkommensurabilität, Unversöhnbarkeit, Unübersetzbarkeit der realisierten
Weltbildentwürfe und Sozialkonzepte besitzt dort Grade, die in grünen
Systemen, wo das Postulat als systemimmanent erstellt wurde, nicht vorstellbar
sind. Die Durchdringung der lila Systeme mit grünen Sinnhorizonten,
Weltbildern, Wissensformen usw. stellt eine zusätzliche Erhöhung der
Inkommensurabilität des Differenten dar. Die lila Systeme sind wesentlich
mehr von den postmodernen Kriterien geprägt, ohne
je eine Moderne besessen zu haben. Die lila Systeme leiden eher unter
der ständigen Destabilisierung des Ganzen infolge der ständigen Zunahme der
Unversöhnbarkeit und Inkommensurabilität des partial Differenten, wobei die
Unübersetzbarkeit und Unversöhnbarkeit bestimmter Partialordnungen - ganz im
Sinne der Forderungen- der Postmoderne noch forciert wird.
Die
Moderne und Postmoderne der Systeme der Entwicklungsländer besteht darin,
dass sie in einem höheren Ausmaß, als es sich die Postmoderne vorstellen
kann, durch Prozesse des Dissenses heterogen Differenten gekennzeichnet sind,
die bei praktischer Anwendung der postmodernen Postulate Systemzustände
ergäben, die sicherlich nicht mehr den Intentionen der postmodernen
Vernunftkonzepte entsprächen.
WELSCH
schreibt:" Lyotards Konzeption des Widerstreits führt also zugleich zu
einer Ästhetik und Politik des Widerstandes. in einer Situation der
Pluralität besteht stets die Gefahr, dass ein bestimmtes Modell auf den
Bereich eines anderen überzugreifen beansprucht und dass durch solche
Totalisierung Unrecht geschieht". Wie kann das postmoderne Erhabene nicht
sehen, dass es eben selbst als Modell versucht, auf alle anderen Sinnhorizonte,
Episteme, Weltbildformationen, Lebensformen, Systemstrukturen überzugreifen,
und ihnen durch solche Totalisierung Unrecht anzutun?
Welche entscheidenden Sinnfragen, Existenzprobleme,
Evolutionsperspektiven bleiben in diesem Modell ausgespart oder
werden einer formalistischen Kategorialität des Verhältnisses des
Ganzen zum Pluralen unterstellt? Zeigt nicht bereits die Unangemessenheit des
Postulates in den lila Systemen der Entwicklungsländer ausreichend seine
grüne Systemimmanenz?
1.3.
Die transversale Vernunft
1.3.1.
Das Vernunftkonzept bei WELSCH und APEL
In
seinem Aufsatz: Sprache - Widerstreit - Vernunft. Darstellung und Kritik von
Lyotards Konzept der Post“moderne“, entwickelt WELSCH, ausgehend von einer
Kritik der Lyotardschen These von der Absolutheit und Inkommensurabilität der
Satz-Regelsysteme und Diskursarten unter Hinweis auf Verschränkungen und
Korrespondenzen zwischen den Rationalitätsfeldern und den entsprechenden
Diskursarten eine eigene These der Rationalität.
`So
ist es zwar richtig, dass ethische Ansprüche anderer Art sind als kognitive,
aber zu ihrer verantwortlichen Einlösung kann es doch kognitiver Momente
bedürfen. Und ästhetische Stimmigkeit ist zwar nur ästhetisch zu
definieren, stellt aber innerhalb des Ästhtischen eine Art ethische
Komponente dar. Und zuletzt ist in jedem, auch im kognitiven Urteil ein
ästhetisches Moment nicht nur wirksam, sondern unerlässlich`.
`Lyotard
"überpointiert die Heterogenität und unterblendet die Dimension der
Verflechtungen und Übergänge". Übergänge seien etwas anders als
Überblicke. "Diese Unterscheidung hält von der Vernunft, die ich meine,
das Missverständnis ihrer als einer Art Super-Verstand fern. Vernunft ist auf
Totalität zwar bezogen, aber nur in der Weise des Übergangs und der
Überschreitung. Ich denke nicht an HEGELsche Totalsynthesen, sondern an die
schlichte, aber auch unverzichtbare Funktion konkreter, punktueller, dabei
aber immer partial bleibender Übergänge, Absetzungen, Vergleiche und
Verflechtungen zwischen Rationalitätskonfigurationen." WELSCH erkennt
dann ganz richtig, dass alles was Lyotard beschreibt ohne Funktionen solcher
Vernunft gar nicht faßbar sei. "Das kann nicht eine dieser Diskursarten
leisten, sondern nur ein Vermögen, das beide Logiken vergleichen und in ihrer
Heterogenität sich vor Augen bringen kann. Und nur ein solches Vermögen -
das Lyotard allenthalben in Anspruch nimmt, aber nicht recht wahrhaben will -
garantiert die Praxis, die er nahe bringen möchte. Nur Vernunft die auf
beides bezogen ist, leistet die Anspruchsbegrenzung der beiden Diskursarten,
die diesen als bloß Verständigen nicht in den Sinn kommt." "Die
Bezeugung des Widerstreits, die Lyotard fordert, ist nur als Praxis solcher
Vernunft denkbar." Diese Vernunft fungiert dabei nicht als Gegengift
gegen Heterogenität, sondern als Medium der Explikation von Heterogenität
und Übergang, Differenz und Identität. Obwohl WELSCH bedenkt, dass im Lager
strikter Postmodernisten die Vernunft verpönt erscheint, schreibt er: "
Denn der letzteren kann keiner sich entziehen, auch nicht derjenige, der nur
noch von Differenzen reden wollte, denn ohne einen Einheitshorizont könnte er
das gar nicht tun." "Abzulehnen ist gewiss die totalisierende
Vernunft, die einen substantiellen und erfüllenden Begriff des Ganzen geben
zu können glaubt und sich dabei doch in Widerspruch von beanspruchter
Totalität und faktischer Partikularität verfängt. Die von mir ins Spiel
gebrachte Konzeption "transversaler Vernunft" ist davon ersichtlich
verschieden.`
Wir
haben bereits oben zu zeigen versucht, dass auch dieses Vernunftkonzept selbst
gerade die Ansprüche erheben muss, die es an traditionellen
Vernunftkonzepten, die auch wir für mangelhaft halten, kritisiert. Sie wird
selbst zu totalisierender Vernunft und auch sie löst die Probleme nur
mangelhaft, die im Widerstreit von beanspruchter Totalität und faktischer
Partikularität auftreten.
Das
WELSCHe Vernunftkonzept trägt, wie er sagt, "dem Umstand Rechnung, dass
Vernunft komplexer geworden ist, als man sie zu verstehen gewohnt war. Man
muss heute mit einer offenen Vielzahl von Rationalitätsformen rechnen, muss
dieser sich stellen." Eine Phänomenologie der pluralen Vernunft wäre
geboten.
Dieser
Ansatz, ist, wie wir bereits vorne zeigten, durch eine Art Minimal-Einheit der
transversalen Vernunft charakterisiert, die sich aber als wesentlich stärker
einheitsstiftend erweist, als WELSCH selbst dies anerkennt. Wir selbst
sprechen schon seit längerem von der Entwicklung von Partial-Rationalitäten
in den grünen
Sozialsystemen1, die über eine
Systemtheorie selbst nur sehr mangelhaft verbunden erscheinen.
Es
gibt aber nicht nur eine Vielzahl von Rationalitätsformen in den grünen Sozialsystemen, sondern auch eine Vielzahl
von Vernunftkonzepten, von denen das WELSCH`sche wiederum nur eines ist. Wir
nennen es im folgenden Vernunftkonzept 1.
Wir
stellen es in Gegensatz zur Theorie der unbegrenzten
Kommunikationsgemeinschaft, die wir unter 3.3.3. kurz behandeln.
Wir
sind nun, um die Gedanken WELSCH fortzusetzen, offensichtlich in der Lage,
sein eigenes Vernunftkonzept 1 mit
jenem bei APEL in Beziehung zu bringen in einem neuen Vernunftkonzept 3,
welches bereits eine Meta-Ebene zu den beiden bedeuten muss, aber wiederum
neue Funktionen der Vernunft einsetzt, die auch noch im Sinne der
transversalen Vernunft zulässig sein muss. Es ist offensichtlich, dass wir
auch in der Vernunftdiskussion in einen infiniten Regress geraten, der den
WELSCH`schen Ansatz überschreitet.
Auch
darf der WELSCHsche Ansatz im Sinne seiner eignen Intentionen nur eine
der Rationalitätsformen neben anderen sein. Die pragmatische
Dimension der Rationalitätsdiskussion in den heutigen
Sozialsystemen führt also zu spezifischen Problemen, die über das
WELSCH`sche Konzept auf einen weißen oder farblosen Bereich hinausweisen.
Ein
Wort auch noch zu einer Überlegung von WELSCH, wonach er meint, dass sich die
Situation nur derart darstelle, wenn man solch "französische"
Heterogenität und Diskontinuität anfänglich und absolut unterstelle.
In
der europäischen Philosophietradition findet sich immer noch die Überlegung
dieser gegenseitigen "nationalen" Zurechnungen, die zweifelsohne
ihre historischen Wurzeln hat. Ist es aber nicht bedenklich, derartigen
"geistigen Provinzialismus" weiterhin aufrechtzuerhalten? Ist nicht
auch hier ein Versuch geboten, diese divergierenden Vernunfttraditionen
reflexiv zu überwinden? Soll sich das menschliche Denken immer nach
nationalen Schattierungen, Eigentümlichkeiten, gar „völkischen“
Eigenheiten richten müssen, oder wäre es nicht erforderlich, ähnlich wie in
den Bereichen der „reinen Mathematik“, die leider auch noch nicht frei von
Unreinheiten ist, ein universales
menschliches Vernunftkonzept zu suchen.
1.3.2.
Die selbstreferentielle Konsistenz und die „reine Vernunft“
WELSCH
hat neuerdings in seinem Werk über die transversale Vernunft 1995 auf Seite
916 f. in überzeugender und begrüßenswerter Weise auf die Probleme der
Selbstwidersprüchlichkeit des Pluralitätskonzeptes hingewiesen. Die Frage,
ob selbstreferentielle Konsistenz der Aussagen zu fordern ist, oder ob diese
als Forderung nicht einzulösen sei, thematisiert er am Gegensatz: D`ALAMBERT/RUSSEL.
WELSCH kritisiert zu Recht die bei RUSSEL nicht fundierte Hierarchisierung des
Wirklichkeitsaufbaus. "Menge aller Mengen" sei Totalität, diese sei
nicht Gegenstand, sondern Idee. Eine Idee kann nicht Gegenstand sein.
Totalität genieße einen "idealen Sonderstatus". ( Wie allerdings
dieser Sonderstatus begründbar, im Pluralitätskonzept begründbar sein
sollte, wird nicht dargelegt).
WELSCH
betont, dass man sich der Selbstreferentialität konsequent stellen müsse,
was viele Denker nicht unbedingt beachteten.
Für
seine Konzeption behauptet er, dass sie keine andere eliminiere, sie erhebe
keine Ausschließlichkeitsansprüche und sie sei für den Dialog mit anderen
Konzeptionen offen.
Dem
scheint aber bereits folgende Passage zu widersprechen:
"Transversale
Vernunft bezeichnet die Grundform von Vernunft überhaupt. Das Konzept der
transversalen Vernunft ist nicht bloß ein spezifisches Konzept, sondern
rekurriert auf die Grundform von Vernunft überhaupt, bringt diese zur
Geltung. Es mag sein, dass transversale Vernunft nicht die ganze Vernunft ist,
aber sie scheint allenthalben deren grundlegender Modus zu sein. " (S
916).
In
einem neueren Aufsatz :“Vernunft und Übergang“ (1996) arbeitet WELSCH
noch präziser heraus, dass sein Vernunftkonzept keine Metaordnung erlasse.
`Um
diese traditionelle Erwartung zu erfüllen, müsste Vernunft nicht nur ein
überlegenes Vermögen sein, sondern zudem über Prinzipien verfügen, welche
die Dekretierung einer Meta-Ordnung erlaubten. Das ist jedoch nicht der Fall.
Vernunft besitzt solche Prinzipien nicht. ..Vernunft ist vielmehr strikt als reine
Vernunft (Hervorhebung des Autors) zu verstehen, und das bedeutet: sie
besitzt keine inhaltlichen sondern ausschließlich formale Prinzipien (die logischen
Prinzipien).`
Mit
dieser scharfen Trennung von formalen und inhaltlichen Elementen im
Vernunftsdiskurs tauchen natürlich die gesamten Probleme der Vernunftkritik
KANT`s und des frühen WITTGENSTEIN wieder auf. Wie sind die für die
Verwaltung aller Rationalitätsformen im Rahmen der transversalen Vernunft
konstitutiven formalen Prinzipien selbst fundiert? Woher könnten gerade sie
die Legitimation erhalten, gerade so, wie sie bei WELSCH definiert sind, auch
als formale Prinzipien die All-Verwaltung aller Rationalitätsformen zu
übernehmen, die universale Richterin zu sein? Daneben entsteht natürlich das
schwierige Zusatzproblem, dass auch formale Prinzipien selbst einen
Inhalt haben, dessen Fundierung überhaupt nicht erfolgt.
Die
Grundform hat selbst keine über die anderen Vernunftkonzepte hinausgehenden,
"besser“ fundierten Kriterien, sich als elementare Grundform, als eine
nicht-spezifische zu konstituieren, um als konstitutive
Vernunft-Grundform eingesetzt werden zu können, selbst wenn sie als „reine“
nur formale Prinzipien enthielte. Auch widerspricht die Vorstellung der
"Grundform" und ihrer Elementarität den Behauptungen, dass die
transversale Vernunft selbst nicht verabsolutierend sei, sich nur neben alle
anderen stelle, offen sei usw.
WELSCH
führt weiter aus, seine Aussagen eröffneten Diskussionsangebote an andere
Konzepte, nicht-pluralistische Ansätze würden aufgefordert, zu erklären,
wie sie eine Absolutbegründung unter faktischer Pluralität generell sich
vorstellen. (S.925). Bis zum Erweis des Gegenteils nehme er aber an, dass eine
solche Begründung nicht möglich sei.
WELSCH
erkennt wie wir die Metagestik JEDER Vernunftkonzeption gegenüber allen
anderen, betont auch sehr feinsinnig, dass man sie aber doch nach der ART zu
unterscheiden hätte, wie sie sich auf andere beziehen. (S.930). Das Verhalten
sei entweder verdrängend, eliminierend oder anerkennend oder eben
gleichgültig. "Die Art, wie sie ihren metakonzeptionellen Bezug anlegen,
unterscheidet sie voneinander (S.930). Auch das Pluralitätskonzept habe nur
eine SPEZIFISCHE Bezugsart auf die anderen Konzeptionen und keine
uinversell-neutrale.
Hier
scheint sich WELSCH zu widersprechen, weil er vorne meint, die von ihm
ausgemachte Fähigkeit der Vernunft: Unterschiedliches in den Blick zu nehmen,
zwischen Divergierendem überzugehen, seine Charakteristik vergleichend zu
beurteilen und Relationen des Unterschiedlichen insgesamt zutreffend zu
bestimmen, sei nicht als Funktion einer der beteiligten Konzeptionen sondern
als Leistung eines ihnen gegenüber reinen und spezifisch für solche
Übergangspositionen kompetenten Vermögens zu verstehen. Eine solche REINE
Fähigkeit löst seine transversale Vernunft aber aus allen anderen
Vernunftkonzepten eben heraus und gibt ihr eine universell neutrale Position,
welche er als "elementarste Potenz der Vernunft" und das Medium
ALL
ihrer
Operationen bezeichnet (S 915).
Seine
spezifische Bezugsart dürfe nur dahingehend geprüft werden, ob sie mit ihren
konzeptionellen Prinzipien übereinstimme (S.931). Der Pluralitätsansatz
verlangt die Zulassung, Anerkennung und Beförderung auch anderer
Konzeptionen. Es gäbe aber Auflagen. (Vielheitsbeachtung,
Spezifitätsbewusstsein, Alternativanerkennung und Grenzbeachtung).
Ähnlich
dem Prinzip moderner Demokratie ginge es um Pluralitätssicherung unter
Dissensbedingungen. ( Hier erweist sich wohl, dass dieses Vernunftkonzept in
der Nachhut der Evolution der Vernunft steht und nicht deren utopische Vorhut
bildet).
Es
könnten daher nur solche Positionen unverändert akzeptabel sein, denen das
Prinzip und die Möglichkeit der Anerkennung von Alternativen eingebaut sei.
Das
Pluralitätskonzept übersieht aber, dass es mit allen anderen
Vernunftkonzepten in der Pluralität nur genau NEBEN allen anderen stehen
dürfte, auch wenn es sich als transversale Vernunft auf formale Prinzipien
beschränkt, und dass es vor allem für jeden ein Leichtes ist, wie wir schon
oben zeigten, eine noch darüber gelagerte Metafähigkeit jeder Vernunft
anzunehmen.
Die
Vernunft kann alle Vernunftkonzepte 1 usw. transzendieren und in einer
Meta-Sicht auf alle blicken, was den infiniten Regress in die Betrachtung
bringt. Das Pluralitätskonzept ist, wie wir sahen, von WELSCH nicht als ein
Ansatz konzipiert, der sich durch den Kontakt mit anderen grundsätzlich in
Frage stellen könnte oder wollte, wenn WELSCH auch andeutet, dass das
Ergebnis der Diskussion mit entgegengesetzten Konzeptionen nicht
vorweggenommen werden könnte: WELSCH meint aber, dass die Diskussion einzig
mittels transversaler Vernunft und in ihr als Medium erfolgen könne.
Transversale Vernunft wird also strukturell das Medium sein müssen, in dem
das Pluralitätskonzept , zusammen mit den anderen Konzeptionen auf dem
Prüfstand steht. Sein Konzept genieße daher eine Auszeichnung, zwar nicht
das Pluralitätskonzept als solches, wohl aber hinsichtlich des mit ihm
verbundenen Konzeptes der transversalen Vernunft.
"Der
Ausgang des Streites ist offen, das Vollzugsmedium nicht"
S. 933.
Spätestens
hier ist die Paradoxie wieder vollzogen. Die fundamentalistische Annahme, dass
das Vollzugsmedium NUR die transversale Vernunft sein könne, diese
Auszeichnung und Hervorhebung widerspricht eben der Behauptung, die
selbstreferentielle Konsistenz sei gegeben. Wenn der Streit NUR im Medium der
transversalen Vernunft als der dann wohl funktionell wenn auch nur formal universellen
Struktur erfolgen darf und kann, ist eben wieder ein fundamentalistischer
Bereich postuliert, der eben der These der Transversalität der Vernunft
widerspricht. Geriert die transversale Vernunft nicht selbst wieder als
Instrument von Herrschaft, wenn sie die von ihr selbst für alle gezogenen
Grenzen und Fähigkeiten nicht ausreichend legitimieren kann? Was wäre, wenn
die formalen Prinzipien der transversalen Vernunft, wie wir unter ... zeigen
werden, selbst sich als inhaltlich problematisch erwiesen?
Oder
hat die Vernunft jenseits der hier von WELSCH zu Unrecht postulierten
Fundamentalität und Elementarität noch "höhere" oder
"tiefere" Fähigkeiten, die auch WELSCH zwar voraussetzt aber nicht
explizit herausgearbeitet hat? Glaubt er nicht doch, seiner Fähigkeit der
Vernunft, ihrer Transversalität eine auch dem Pluralitätskonzept entzogene,
fundamentale Geltung jenseits der Vielheit, als eine ART von Einheitsrahmen
zugestehen zu müssen? (Sind es nicht irgendwie verschwommene Vorstellungen
einer synthetischen Funktion von Vernunft? Kann man die obigen Sätze
überhaupt anders verstehen? Sagen sie nicht: In Bezug auf die Vielheit der
Vernunftskonzepte steht das Pluralitätskonzept neben allen anderen
Vernunftskonzepten, aber hinsichtlich der Herstellung von Beziehungen zwischen
allen Vernunftkonzepten kann NUR und zwar stets, nicht veränderbar(!) durch
Relationen zu anderen, vielleicht künftigen Vernunftkonzepten das Konzept der
Transversalität IM Pluralitätskonzept als einziges Mittel, als Basis und
Grundform fungieren? Wir haben leider den Ausweg aus der Paradoxie nicht
gefunden. Die selbstreferentielle Konsistenz scheint nicht geglückt.
WELSCH
charakterisiert die Rationalitätsbedingungen moderner Gesellschaften
abschließend in seinem Werk in folgender Weise, wobei er aus diesem
historische Zustand von Gesellschaftlichkeit die transversalen Funktionen der
Vernunft als die adäquaten ableitet, weil nur sie geeignet seien, den
modernen Ansprüchen an die Vernunft zu genügen:
Unterschiedliche
Rationalitäten überlagern und kreuzen sich, ergänzen oder bestreiten
einander, gehen durcheinander, ohne sich noch einmal zu einer Gesamtordnung zu
fügen. Dieses "unordentliche" Design der rationalen Welt ist die
unabweisbare Konsequenz der Pluralisierungsprozesse. Die herkömmlichen
Suggestionen räumlicher Einteilung passen nicht mehr auf die Struktur
heutiger Rationalität.
Ebenso
sind die daran anknüpfenden Aufbauvorstellungen hinfällig geworden.
"Grund" und "Boden" sollten herkömmlich als
"Fundament" zur Errichtung von "Gebäuden",
"Systemen", "Architekturen" dienen. Aber wo die Böden
schwankend werden, geraten auch die Gebäude ins Wanken. Die ganze Denkform
von Grund und Aufbau - diese Immobilienwirtschaft der traditionellen
philosophischen Epistemologie - zeigt heute nur noch mythische Züge. Wenn
schon, so sind allenfalls andere Architekturen angebracht und tauglich:
bewegliche und veränderliche, netz- und gewebeartige Architekturen.
Entsprechend hat sich auch das rationalitätseinschlägige Metaphernfeld
verschoben: von territorialen Metaphern zu solchen des Gewebes, des Netzes,
des Rhizoms." (s.943)
Müsste
nicht WELSCH, bei genauer Prüfung zugeben, dass sein eigenes Vernunftkonzept
und seine obigen Sätze einen unveränderbaren Grund
der Vernunftkritik darstellt?
Wir
haben vorne eine Systemtheorie mit allen Problemen und Implikationen auch im
Verhältnis zum Pluralitätskonzept entwickelt (vgl. a.c.). Daraus ergibt sich,
dass die Metapher vom Netz, in welchem die Rationalitäten verbunden sind, bei
genauer Analyse noch durch Stratifikationen und Machtverhältnisse aufeinander
bezogen sind. Wir stellen einige Fragen:
Darf
die Vernunft so weit gehen, dass sie ihre Grenzen, Aufgaben, Funktionen und
Fähigkeiten, die Kriterien für ihre Transversalität eben aus den
Gesellschaftssystemen ableitet, in denen sie selbst - zumindest teilweise -
enthalten ist, und aus denen sie Bedingtheiten und Färbungen angenommen hat.
Darf Vernunft aus den Systemzuständen einer bestimmten Evolutionsphase (also
pluralistisches Auseinandertreten und komplexe Überlappungen
unterschiedlicher Vernunftskonzepte) die Kriterien ihrer eigenen
Funktionalität ableiten? Liegt hier nicht eine resignative, in die
Bedingungen der Evolutionsphase gebeugte Begrenzung des Vernunftskonzeptes
vor?
Kann
und muss nicht die Vernunft, wie es WELSCH ja auch letztlich anstrebt, die
Grünheit, Blauheit usw. der Evolutionsfarbe der Systeme, in denen sie sich je
befindet, abschütteln? Sagt nicht WELSCH mit seiner Beurteilung: Die
Systemkonstellationen sind grün, daher hat die Vernunft grüne Aufgaben und
Fähigkeiten. Alle anderen Vernunftkonzepte aus Vergangenheit und Zukunft sind
daher mangelhaft. Die Grünheit der Vernunft, die Transveralität ist das
Allgültige. Sind aber nicht auch die Sätze, wo WELSCH von der "reinen
Fähigkeit der Vernunft, die sie aus allen anderen Konzepten heraushebt"
spricht, bereits ein Ansatz einer farblosen, über allen Systemen befindlichen
Funktion der Vernunft?
Das
Modell der transversalen Vernunft kann durch sich selbst bereits als
evolutionshemmend angesehen werden. Durch die ihm inhärenten - aus den
Rationalitätsgeflechten der Vernunftskonzepte in den derzeitigen Systemen
abgeleiteten- Begrenzungen verstellt es den Blick auf neue, weitere,
systeminvariante Ansätze. Die transversale Vernunft geht nämlich sich selbst
ins Netz und fängt sich in den von ihr selbst diagnostizierten Fallstricken.
2.
Die Ordnung der Ordnungen (Waldenfels)
Das
postmoderne Postulat nach WELSCH, auf soziale Systeme angewendet, erweist sich
infolge seiner Formalität selbst als blind und ausklammernd gegenüber einer
Vielzahl von Problemen, die jedes soziale System kennzeichnen. Vor allem ist
es hinsichtlich jeglicher Frage nach Ethik, Stabilität und Wandel und damit
einer evolutionslogischen Perspektive erheblich verkürzt.
Andere
postmoderne Theoretiker haben aber gerade diese Perspektiven in ihre
Überlegungen aufgenommen. WALDENFELS benützt hier den Begriff der Ordnung.
Die klassische
Ordnungsform des Mittelalters zeichnet sich dadurch aus, "dass sie dem
Menschen a) vorgegeben, dass sie b) allumfassend, dass sie c) mehr oder
weniger fest umgrenzt und d) in ihren Grundzügen repetitiv ist."
Eine
neue Form der Ordnung, die als modern
bezeichnet wird, bricht sich Bahn. Es kommt zu einer Lockerung des
Wahrheitszwanges, "wenn die große, allumfassende Ordnung in Ordnungen
zerfällt, die ihrerseits a) wandelbar, und b) beschränkt sind, c) bewegliche
Grenzen aufweisen und d) grundlegende Innovationen zulassen". Dieser
Ordnungswandel setzt Kräfte frei. Die Freisetzung expandierender und
diffundierender Kräfte bedeutet aber nicht nur eine Mobilisierung und
Pluralisierung von Ordnung, sondern auch deren Bedrohung. Dieser
Bedrohung durch Ordnungsschwund versucht man verschiedenartig durch
"Bewältigung der Andersheit" zu begegnen.
Anfangs
wird noch versucht, den Ordnungsschwund wettzumachen, ohne an der
hergebrachten Ordnungskonzeption zu rütteln. Die anspruchsvollste Ersatzform
ist die
Totalisierung. "Die Andersheit wird dem Ganzen einverleibt als
relative Andersheit, als Einseitigkeit, die auf die Dauer in die Allseitigkeit
des Ganzen aufzuheben ist. Alles könnte auch anders sein, - ausgenommen das
Ganze, zu dem es keine Alternative gibt." "Auf die Dauer müssen
beide Seiten zu ihrem Recht kommen. Doch dieses Wunderwerk einer allseitig
sich entfaltenden Dialektik scheitert daran, dass die moderne Dialektik, wenn
sie einmal den Boden kontingenter Ereignisse, limitierter Geschichtsräume,
subjektiver Interessen und lokaler Traditionen betritt, weder ihres Anfanges,
noch ihres Endes Herr ist. Die Vernunft lebt in einem dauernden Interim. Das
Ganze ist das, was immer noch aussteht."
Ist
Bezug auf dieses Ganze nicht mehr möglich, bieten sich bescheidenere
Ersatzformen an." Eine heißt Universalisierung
durch Formalisierung." Die
zersetzende Macht der Kontingenz wird eingedämmt, indem man sich auf notwendige
Ordnungsbedingungen zurückzieht, und auf zureichende Ordnungsgründe
verzichtet. Die einstige Gesamtordnug schrumpft
zu einer formellen Grundordnung zusammen. Eine Liberalisierung, die
sich auf eine alleinwahrmachende Formalvernunft beschränkt, und den Rest
partikularem Gutdünken überlässt, hat ihre eigenen Tücken. Abgesehen
davon, dass jede Berufung auf notwendige Ordnungsbedingungen sich eo ipso wechselnden
Diskursbedingungen ausliefert, und somit aufhört, rein formal zu sein,
hinterlässt der Rückzug auf eine feste Bastion von Grundsätzen Hohlräume,
die mit zwingenden Argumenten nicht zu füllen sind. Negative
Minimalbedingungen sind weder imstande, konkrete Lebensweisen und spezifische
Diskursformen auszubilden, noch taugen sie dazu, konkrete und spezifische
Konflikte beizulegen."
"Wenn
die totale Weltordnung sich als illusionär, die formale Grundordnung als
unzureichend erweist, bieten sich ersatz- und ergänzungsweise die regionalen
und lokalen Ordnungen der verschiedenen Traditionen an, die gleich der Sprache
nur im Plural denkbar sind."
Damit
ergibt sich aber das Problem, dass man die "eigene" Ordnung
gegenüber der anderen bevorzugt, und damit in Varianten des Traditionalismus
verfällt. Auch besteht die Gefahr, die eigenen Tradition zum Hort der
Vernunft zu machen.
Als
letzte Schwundstufe an Ersatzformen nennt Waldenfels den Positivismus.
"So lässt sich eine bestehende Tradition verteidigen mit der
Begründung, irgendeine
Ordnung müsse sein, um das faktische Überleben zu garantieren."
Waldenfels
sieht zwei gegenläufige Tendenzen. "So antwortet auf die Zentrierung der
Ordnung in einem einheitlichen Logos die Auflösung des Logos in eine Vielzahl
von Logos, von Sinn- und Kräftefeldern.“ Gibt es aus diesem Gegeneinander
einen Ausweg?
Waldenfels
meint: Herausführen könnte ein Denken und Handeln, das mit dem Potential begrenzter
Ordnungen ernst macht, ohne einfach Ordnung und Unordnung
gegeneinander auszuspielen." " Die Heterogenität von
Ordnungsbereichen, die sich nicht einer einzigen Herkunft und einer
einheitlichen Bezugsskala zuordnen lassen, schließt nicht aus, dass die
Ordnungsbereiche sich mehr oder weniger überschneiden."